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3. Tag: Mustin – Scharbeutz / 60 km

Auf zur Badewanne der Hamburger 

Wer macht eigentlich immer die fürchterliche Unordnung im Zimmer. Gepäcktaschen, Sortiertaschen, Schmutzwäschetasche, Socken, Hose, Schuhe und was sonst noch alles auf einer Radtour mit muss, verteilt sich schön gleichmäßig durch das Zimmer. Ich bin ein ordnungsliebender Mensch, auf Radtour allerdings beherrscht die eigene Ordnung der Dinge die Szene. Wie von Geisterhand getrieben, verteilen sich alle Wäschestücke im Zimmer und lassen sich erst durch das Packen zur Abreise wieder zur Vernunft bringen. Nachdem nun auch die letzte Socke ihren Platz in den Taschen gefunden hat, beladen wir unsere Räder und sausen mit einem freundlichen Gruß der Mitarbeiterin des Landgasthofs „Am Kleinen See“ vom Platz und fahren und fahren der Ostsee und unserem nächsten Ziel Scharbeutz entgegen.

Angler auf dem See
Angler am Morgen

Außer der Landschaft und ab und an ein Dorf, hat unsere heutige Route erst mal nicht mehr zu bieten. Und das ist genau das, was diesen Tag so schön macht. Wir rollen, nicht weit entfernt der ehemaligen Grenze, durch Mecklenburg-Vorpommern und genießen die Stille zwischen den abgeernteten Feldern. Still wie das Land, wartet ein Angler in seinem Boot geduldig auf das Interesse eines Fischs, an seinem Haken das feuchte Nass zu verlassen.

Moderne Navigation am Lenker

Die Reifen rauschen über den Asphalt und selten werden wir von einem Auto überholt. Dank meiner neuen Lampe mit USB-Lader, funktioniert auch die Navigation mit dem Smartphone hervorragend. Es ist die erste Tour, die ich vorgeplant und nur nach dem Smartphone fahre. Der Akku, der sonst die Spaßbremse auf längeren Touren darstellte, reicht nun den ganzen Tag und wenn das Display selten eingeschaltet wird, dann bleibt er auch zu fast 100 % geladen. Die freie Karte, die ich installiert habe, zeigt sich als fehlerfrei und macht unabhängig, von dem auf dem auf dem platten Land doch recht dürftigen Zugang zum mobilen Internet.

Im Zentrum von Schönberg Mecklenburg Vorpommern
Schönberg Mecklenburg-Vorpommern

In Schönberg stehen neben liebevoll restaurierten Häusern, vereinzelt noch die Spuren des real existierenden Sozialismus. Traurig schauen uns die hohlen Fenster der Häuser an, die noch keine liebevolle Hand gefunden haben. Wir möchten uns doch auch im Stadtbild um dessen Schönheit engagieren, scheinen sie uns sagen zu wollen. Doch statt der nötigen Unterstützung helfen oft nur noch Stützbalken vor dem vollständigen Zusammenbruch. Wir hoffen, dass sich für diese Gebäude Menschen und auch das nötige Geld finden werden, damit ihnen ein weiteres Leben im Stadtbild ermöglicht wird. Wenn erst einmal die Abrissbirnen ihr Werk vollendet haben, neigen Planer gerne zu Neubauten, die das Stadtbild doch sehr nachhaltig verändern. Und das fänden wir sehr bedauerlich.

Schönberg Mecklenburg-Vorpommern

Wir zweigen ab und folgen der Sackgasse nach Klein Bünsdorf und von dort nach Groß Bünsdorf. Nachdem wir beide Bünsdorfs kennengelernt haben, fällt es uns schwer zu sagen welches das kleinere Bünsdorf war. Groß war auf jeden Fall keines von beiden. Von hier führ ein Weg auf einer ehemaligen Bahntrasse, durch ein Feuchtgebiet entlang der Stepenitz. Jetzt ist die Ruhe vollends perfekt. Lediglich zwei Radler und zwei Raben unterbrechen die Stille während unserer ausgedehnten Pause auf einer Bank, mit Aussicht auf das Schilf.

Lübecker Bucht voraus

Mittlerweile gibt auch die Sonne wieder ein paar Strahlen zum Besten und wir erreichen die Ostsee. Vom Priwall über die Trave nach Travemünde, soll uns jetzt die Fähre bringen. Doch vor der Überfahrt hat sich das Empfangskomitee das Spiel „Versteh den Fahrscheinautomaten“ ausgedacht. Mein Unverständnis ist zum Glück einer Fahrscheinautomatenversteherin aufgefallen. Gekonnt führt sie mich durch das, für mich heimtückische Menu und wie es meist so ist, wenn man weiß wie es geht, ist es ziemlich einfach. Ausgestattet mit vier Fahrscheinen für Mensch und Fahrrad, dürfen wir nun auf die andere Seite wechseln.

Radfahren auf der Bahntrasse vor Priwall
Ehemaliger Bahndamm vor Priwall

Die Promenade in Travemünde ist dank des guten Wetters proppenvoll mit Fußgängern, was das Fahren auf dem dort verlaufenden Ostseeküsten-Radweg, zum Eiertanz werden lässt. Zum Glück hat der durchschnittliche Radfahrer auch noch ein paar Beine, nebst zugehörigen Füßen im Gepäck und so mutieren wir für den weiteren Weg, kurzentschlossen zum „Homo Pedensis“.

Wir sind ja sowas von cool

Von Travemünde aus führt der Weg direkt oberhalb der Steilküste an der Ostsee entlang. Das eröffnet wunderbare Aussichten auf die ausfahrenden Fährschiffe und eine Schar bunter Segel, die die Bucht unter uns durchqueren. Es ist so ein „alle sind draußen und genießen den Spätsommer“ Tag. Und diese „Alle“, machen das Radfahren auf dem kurvigen und hügeligen Küstenweg etwas anstrengend. Kinder, Hunde, Radfahrer und sonstige Sightseeer, achten oft mehr auf die Landschaft als auf den Rest der Mitmenschen. Jammern hilft nichts, schließlich erfreuen wir uns auch an dem Anblick.

Blick über die Trave nach Travemünde
Travemünde liegt vor uns

Je näher Timmendorfer Strand und Scharbeutz kommen, desto höher ist der Anteil der Oberklasseautos in den Vorgärten und auf der Straße. Die Villen auf unter den alten Bäumen deuten an, dass man sich hier schon länger einem mondänen Lebensstil erfreut. Unsere heutige Übernachtungsadresse ist weit weniger mondän als der Rest der Bucht. In der Jugendherberge werden wir von einer Gruppe Jugendlicher begrüßt. Hier gibt man sich betont lässig bis hin zur absoluten Coolness, die sogar die Wüste gefrieren lässt. Wir dürfen auch auf demselben Flur wie die Gruppe schlafen –  an ihrem Nachtleben teilhaben – sowie an den Versuchen der Betreuer, dies zu bändigen.


  • Radweg Alte Salzstraße
    Radweg Alte Salzstraße – Start in Lübeck

2. Tag: Fitzen – Mustin

4. Tag: Scharbeutz – Preetz

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