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Zu Fuß auf dem Heinrich-Heine-Weg zum Brocken

Der alte Mann und Heinrich-Heine, eine Wanderung zum Brocken
Auf dem Heinrich-Heine-Weg
Die Ilse hat den Pfosten freigelegt

Der frühe Vogel ist manchmal ganz schön alleine. Morgens um sieben, ist am Start meiner Wanderung auf dem Heinrich-Heine-Weg, noch niemand zu sehen. Ottonormal-Ilseburger entzieht sich noch geschickt der Morgenfrische. Mir soll‘s recht sein, kann es auf den Wegen zum Brocken doch auch schon mal recht tummelig werden.

Schon kurze Zeit später verlässt der Wanderweg die Straße und folgt dem Lauf der Ilse. Ein recht lebendiger kleiner Fluss, der es allem Anschein nach ganz schön in sich haben kann. Immer wieder sind Teile des Weges von tiefen Furchen durchzogen, die das Hochwasser hinterlassen hat. An einem Geländer, das den Wanderer vor dem Hinunterfallen sichern soll, hängt einer der Pfosten in der Luft. Seinen Halt hat ihm die wütige Ilse geraubt.

Harzmikado im Ilsetal

Auf dem Heinrich-Heine-Weg
Traumhafte Ilse

Irgendwann wird das Rauschen der Ilse zum lauten Tosen. Ich nähere mich den Ilsefällen. Das Wasser fällt hier über mehrere Stufen den Berg hinunter. Dazwischen liegen immer wieder große Baumstämme die das Hochwasser hier verkeilt hat. Harzmikado fällt mir dazu ein. Die Ilse ist wild und ungezähmt, so wie sich auch die Natur im Nationalpark entwickeln soll. Langsam weicht das laute Tosen des Wassers wieder einem sanften Gurgeln und Plätschern. Die Ilsefälle verschwinden hinter mir und irgendwann leider auch die Ilse selbst.

Noch eine Weile bleibt der Weg recht anspruchsvoll. Über Wurzel und Steine führt der schmale Pfad stätig bergan. Einfach so laufen ohne darauf zu achten wo man hintritt, ist hier nicht. Ein Weg also, ganz nach meinem Geschmack. Leider ändert sich das nach der ersten Hälfte. Frisch geschottert, führt eine breite Forststraße von nun an den Berg hinauf. Der Kopf muss jetzt nicht mehr auf die Füße achten und hat Zeit sich über Für und Wider der Regenjacke Gedanken zu machen. Erst sind es einzelne Tropfen, dann wird es zu einem dichten nassen Nebel. Die Schutzhütte kommt also gerade recht.

Auf meine Verantwortung sagt der „Alte Mann“

Nach dem Essen entscheide ich mich dann doch für die Regenjacke. Kurz vor dem Weiterlaufen kommt ein alter Mann mit einer jungen Frau auf die Hütte zu. Wir grüßen uns und die beiden setzten sich ins Trockene. Opa und Enkelin wie es scheint. Über den Regen und die Regenjacken die sie zuhause gelassen haben, kommen wir ins Gespräch. Ein paar Anekdoten aus seinem Wanderleben hier im Harz gibt er zum Besten. Auch wie er sich mit Freunden zu einer Tour verabredet hatte und seine Freunde ihn bei noch schlechterem Wetter als heute fragten, ob er den wirklich wandern wolle. „Ich habe einen Termin mit euch reserviert“, war seine Antwort, „aber nicht das Wetter“.

Ich möchte weiter und wir verabschieden uns voneinander. Keine 10 Meter bin ich gegangen, da kommt der er alte Mann noch mal aus der Hütte heraus, um mir vor dem Weiterlaufen noch einen Tipp zu geben.

„Möchten sie einen schöneren, nicht ganz offiziellen Weg gehen“, fragt er und dabei funkeln seine Augen spitzbübisch.

„Na,“ ist meine Frage und gleichzeitig auch die Aufforderung seinen Geheimtipp weiterzugeben.

„Sie müssen einfach nur geradeaus gehen. Gleich dort vorne und nicht weiter dem Heinrich-Heine-Weg folgen. Sie werden den Weg erkennen. Die Baumstämme sind durchgesägt“.

Ohne diese Aussage weiter zu hinterfragen, bedanke ich mich für den Tipp und will weitergehen, da fügt er noch schnell hinzu:

“Das ist aber auf Ihrer Verantwortung, ich kenne Sie nicht, habe Sie auch nie gesehen.”

“Ist schon klar”, antworte ich, “ich kenne Sie auch nicht”.

Harzmikado

Wir lachen kurz und dann laufe ich los. Geradeaus, wie er gesagt hat. Zu Anfang ist der Weg noch einfach zu gehen. Ab und an liegt tatsächlich mal ein Baum quer. Dieser ist dann auch so durchgesägt, dass man ohne Mühe durchlaufen kann. Später kommt noch etwas mehr Harzmikado dazu. Dann wird es schon etwas anspruchsvoller, bis der Weg sich dann in eine andere Richtung abwendet und am Hang entlang verläuft. Immer wieder muss ich nun über Bäume klettern oder unten durch.

Doof aussehen leicht gemacht

Und dann kommt das was kommen muss. Der Baum vor mir ist zu hoch um schwungvoll hochzuspringen und auch viel zu nass. Um nicht abzurutschen muss ich den Fuß ganz bewusst auf dem glatten Holz absetzen, um mich dann mit dem anderen Bein abzustoßen. Das funktioniert aber nicht. Vorsichtig halte ich mich an ein paar morschen Ästen fest, um mit den Armen etwas nachhelfen zu können. Fast habe ich es geschafft, da kommt dieses untrügliche Gefühl, das es das war. Ich müsste mich nur noch etwas mehr an den Ästen hochziehen, doch einer davon gibt nach, knackt. Loslassen und wieder runter? Festhalten? Das wird nichts ist der letzte Gedanke, dann rausche ich durch die Äste nach unten und bleibe auf dem Rücken liegen. Herrlich, ich wollte schon immer mal doof aussehen. Geschafft.

Ein Stück später ist mein Weg endgültig verschwunden. Zwischen dem Harzmikado suche ich nach Hinweisen wie es weiter geht, während die Füße irgendwo ein trockenes Stückchen Berg suchen. Überall scheint der Berg hier mit Wasser durchsetzt. Auch die dicken Moosballen bringen nur Wasser und keinen sicheren Stand. In den Schuhen wird es nass und nässer. Ich muss zurück.

Rote Punkte ich finde den Weg
Eine Rotpunktbegehung 🙂

Erst als ich ein Stück zurückgegangen bin, entdecke ich die roten Punkte auf Steinen und Bäumen. Manchmal auch einen Pfeil. Ein Hauch von Weg ist auch zu erkennen und führt steil über Stock und Stein nach oben. Mein Weg ist wieder da. Von hier an wird der Aufstieg richtig anstrengend. Jeder Schritt will gut gesetzt sein. Dabei immer darauf achten den Weg nicht zu verlieren und manchmal bin ich mir nicht sicher, ob ich in einem Bach laufe oder an einen Berg. Aus allen Löchern scheint hier Wasser zu rinnen. Das Panorama, das sich mir in den kurzen Verschnaufpausen bietet, ist allerdings einfach fantastisch. Durch die toten, bleichen Bäume hindurch, kann der Blick weit über die Norddeutsche Tiefebene schweifen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit, zeigt sich dann endlich der Gipfel vor mir. Ungemütlich ist es hier oben. Eine dicke graue Suppe wird vom Sturm über den Gipfel getrieben. Die Menschen die sich hier draußen bewegen, haben ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und huschen schnell zum nächsten windgeschützten Ort. Gut zu unterscheiden sind die Wanderer die zu Fuß hier hoch gekommen sind, von denen, die schön warm mit der Brockenbahn hier hoch transportiert wurden. Der eine ist Wind- und Wettergeschützt der andere sucht den Wetterschutz.

Zurück auf dem Heinrich-Heine-Weg

Auf dem Brocken fehlt die Sicht
Oben auf dem Brocken ist die Sicht …

Da es heute nichts mit einem Radler in der Sonne wird, sehe ich zu dass ich wieder runter komme. Diesmal nehme ich den offiziellen Weg. Die Betonplatten der ehemaligen Deutsch-Deutschen Grenze führen ziemlich steil bergab. Hoffentlich geht das nicht lange so weiter. Doch es zieht sich eine ganze Weile so hin. Es erstaunt mich, dass bei diesem Wetter doch so viele Wanderer hier hoch unterwegs sind. Langsam schleichen sie den Berg hinauf, meine Schritte sind dafür noch unbeschwert und leicht.

Die Schutzhütte, an der ich morgens den alten Mann getroffen hatte, taucht wieder vor mir auf. Gerne würde ich ihm nochmal für seinen Tipp danken. Sicher war der Aufstieg anstrengend, ich bin gestürzt und nasse Füße habe ich immer noch. Doch wie ich dort den Harz als Wildnis erleben konnte, das war einfach sagenhaft schön. Also alter Mann,  wenn Du das hier lesen solltest, ein herzliches Dankeschön für den Tipp.

Die Route dazu werde ich diesmal nicht auf GPSies einstellen. Soll sie derjenige erleben, der neugierig ist und neue Wege geht.



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