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Deutschland der Länge nach / von Torfhaus nach Leinefelde

9. Etappe: Torfhaus – Leinefelde
95,24 Km, 5:55 Stunden, Ø 16,71 Km/h


Beim Raustragen der Packtaschen, sehe ich im Augenwinkel noch den radelnden Kollegen in den Frühstücksraum huschen. Bis mein Rad fertig gepackt ist, ist er auch schon wieder verschwunden und so setzte ich die Reise fort, ohne dass wir uns über das Woher und Wohin unterhalten konnten. Die letzten Tage und besonders der Aufstieg, hier hoch nach Torfhaus, haben ihre Spuren hinterlassen. Der Geist fühlt sich nach der Nacht im weichen Bett wieder gestärkt an, der Körper sendet aber klare Signale für eine längere Pause. Die ersten Kurbelumdrehungen sind heute besonders zäh, Hände und Arme wollen die Schultern nicht mehr stützen und überhaupt. Der ganze Kerl ist matt und Antriebslos. „Pauseeee“, ruft es aus dem Inneren. „Jaaahaaa, ich hab’s verstanden. Reiß dich zusammen, heute noch einmal radeln und dann darfst du dich ausruhen“, rufe ich in mich zurück. „Außerdem geht’s es eigentlich nur noch bergab, also alles halb so schlimm“. Zum Glück weiß mein Körper noch nicht, was heute noch auf ihn zukommen wird. Er würde sich vermutlich aus dem Sattel schmeißen und sich streikend in die Ecke legen.

Endlich etwas Ruhe den Nationalpark zu genießen

Broken im Morgennebel
Brocken im Morgennebel

Jetzt fahren wir aber erst mal los. Der Brocken versteckt sich trübe in seinem bevorzugten Nebelmorgenmantel. Die Luft ist frisch und auf der Bundesstraße ist erstaunlich wenig los. Schon nach knapp fünf Kilometern zweigt eine Nebenstraße nach Sankt Andreasberg ab. Immer wieder ergeben sich schöne Fotomotive am Wegesrand. Bei jedem Fotostopp, weckt die frische würzige Luft mit dem Geruch von Wald und Weite, das Bedürfnis die Landschaft um mich herum zu Fuß kennenzulernen. Einzutauchen in das Innere des Nationalparks Harz. Auf einem umgestürzten Baum wächst der Nachwuchs in die freigewordene Lücke. Was in aufgeräumten Wäldern Chaos ist, ist hier der Kreislauf des Lebens. Der alte Baum ist nicht unnütz. Er ist Lebensraum für unendlich viele Tiere und Pflanzen. Niemand muss hier mit nachgezüchteten Bäumen Lücken füllen. Alles geschieht von alleine. Ein tiefer, vegetationsloser, brauner Rand am Oderteich lässt erahnen, dass es nach der Schneeschmelze deutlich mehr Wasser geben kann. Dabei geben sich die zahlreiche kleine Bäche deutlich Mühe, den Teich mit dem kühlen Nass zu versorgen.

Bergab ist der Radler deutlich schneller als bergauf und bevor ich es mich versehe, steht am Fahrbahnrand schon wieder ein Schild, „Auf Wiedersehen im Nationalpark Harz“ steht diesmal darauf. Ja wiedersehen sollten wir uns nochmal, dann allerdings zu Fuß, denke ich mir beim Abschiedsfoto.

15% Gefälle, Sankt Andreasberg fordert die Bremsen heraus

In Sankt Andreasberg bin ich froh von Nord nach Süd zu fahren, sonst würden mich

Im Nationalpark Harz
Im Nationalpark Harz

anstelle von 15% Gefälle, satte 15% Steigung aus dem Sattel hohlen und bei meiner momentanen Kondition, vielleicht auch in die Knie zwingen. So müssen nur die Bremsen unter der beträchtlichen Schubkraft der Erdanziehung und des Gepäcks leiden. Hinter Sankt Andreasberg mäßigt sich das Gefälle schnell wieder und ein alter Bekannter, der Gegenwind, sorgt nun wieder dafür, dass die Fahrt nicht zu flott voran geht. Mal rechts mal links von der Straße, hüpft ein kleiner Bach mit mir das enge Tal herunter. Zusammen erreichen wir Bad Lauterberg. Hier spuckt mich der Harz an seinem südlichen Ende wieder aus.

Der kühle Wind während der langen Abfahrt, hat unzählige kleine Hügelchen auf die Haut gezaubert. Bevor aus den Hügelchen Gänsefedern sprießen, verziehe ich mich auf

Im Nationalpark Harz
Im Nationalpark Harz

eine heiße Tasse Kaffee in eine Bäckerei am Straßenrand. Gemütlich ist es hier nicht sonderlich, aber das Hefeteilchen schmeckt köstlich, die Heizung vertreibt die Gänsehaut und der Kaffee ruft wieder ein paar Lebensgeister zum Dienst. Während ich die weitere Route bis Leinefelde auf der Karte festlege, versuche ich auf dem Minitisch gleichzeitig die Karte von künstlichen Kaffeeseen und Futterresten zu verschonen.

Das erste Hindernis des Tages

Auf der kürzesten Verbindung zwischen hier und meinem Tagesziel, liegt ein kleiner Ort namens Weilrode. Welche Bedeutung er für den weiteren Verlauf des Tages noch haben wird, werde ich später noch erfahren, jetzt ist erst mal an einer Baustelle Schluss mit Weiterfahren. Die Straße ist wieder mal gesperrt. Über 10 Kilometer ist die Umleitung lang und führt dazu noch an viel befahrenen Straßen entlang. Was für den Autofahrer ein Katzensprung ist, wird für den Radfahrer schnell zu einer kleinen Weltreise. Mit der Art der Fortbewegung verändern sich auch die Relationen zu Zeit und Entfernung.

Baustelle frei für Radfahrer
Baustelle frei für Radfahrer

Noch lässt sich die eigentliche Baustelle nicht erkennen und so vertraue ich auf mein Glück und darauf dass es für Radfahrer meist ein Durchkommen gibt und fahre an der Absperrung vorbei. Ein rotes Stahlgerippe auf frischen grauen Betonstelzen setzt sich deutlich vom Blau des Himmels ab. Eine neue Brücke ist also der Grund für die Sperrung. Ob es möglich ist darunter durch zu fahren. Kurz vor der eigentlichen Baustelle treffe ich auf einen Bauarbeiter der auf meine freundliche Nachfrage grünes Licht für die Weiterfahrt gibt. “Och, das ist überhaupt kein Problem wenn du hier weiterfährst. Du hast die Straße für dich alleine und neu gemacht ist sie auch noch.“ Die frische Straße ist ein Traum. Nach einer kurzen Strecke bergauf führt sich mich nun auf besten Asphalt sanft wieder in das Tal herunter. Nur das Rauschen des Fahrtwindes in den Ohren und das satte Schmatzen der Reifen auf dem frischen Asphalt ist zu hören. Kein Auto stört die Ruhe.

Abenteuer Deutschland, unterwegs als „Pfadfinder“

Etwas weiter treffe ich nochmals auf einige Bauarbeiter. Sie verputzen gerade zur Mittagspause ihre Stullen im Auto. Da ich schon lange keine Schilder mehr gesehen habe, frage ich sicherheitshalber nach dem weiteren Weg bis Weilrode. Leicht krümelnd kommt die Antwort aus dem Autofenster. „Wenn du in Bartofelde am Gemeindehaus rechst abbiegst und oben aufm Berg dann wieder links fährst, dann kommst du genau dahin. Du fährst dann aber von Niedersachsen nach Thüringen.“ Was er mir mit dem letzten Satz sagen will das bleibt sein Geheimnis.

Bis nach Bartofelde ist es nicht weit und ein Haus, was aussieht wie das Gemeindehaus, ist auch schnell gefunden. Da weder ein Schild das Haus als Gemeindehaus auszeichnet, noch ein Schild zum gesuchten Ort zeigt, frage ich zur Sicherheit eine junge Frau, die grade mit ihrer kleinen Tochter an der Hand das Haus verlässt, nach dem weiteren Weg. „Ja nach Weilrode müssen sie dieser Straße folgen und zeigt den Ort hinaus die Straße hoch. Oben geht es dann nach links ab und dann sind es nur noch ein paar Kilometer. Sie fahren dann aber von Niedersachsen und fahren in den Osten.“ Achtung sie verlassen den westdeutschen Sektor“, geht es mir bei dieser Aussage durch den Kopf. Ob das Verlassen eines Westdeutschen Bundeslandes in ein Ostdeutsches Bundesland mit besonderen Gefahren verbunden ist?

Oben angekommen. Und wo ist der Weg?

Wieder mal an der Grenze
Wieder mal an der Grenze

Oben auf dem Berg steht wieder eines dieser großen braunen Schilder, die von der ehemaligen Teilung Deutschlands zeugen. Auch ein alter Wachturmturm der NVA erinnert an die Nachwirkungen von Adolfs Größenwahn und der Angst des nachfolgenden Regimes vor dem Fluchtwillen des eigenen Volks.

Einzig ein Schild nach Weilrode fehlte bisher. So fahre ich erst einmal die Straße ein Stück weiter bergab. Oben auf dem Berg hatte der Bauarbeiter doch gesagt. Hier ist aber schon nicht mehr oben und auf noch weiter herunter habe ich keine Lust. Also, wieder umdrehen und in die entgegen gesetzte Richtung fahren. Erst wieder den Berg hoch und dann langsam wieder eine Stück runter. Jetzt erst fällt mir das kleines Sträßchen auf, dass zwischen den Feldern verschwindet. Das könnte es sein. Es gibt zwar kein Schild, auch ist es nicht oben auf dem Berg, aber die Richtung könnte der Karte nach stimmen.

Auf halber Höhe führt die Straße am Hang entlang und öffnet nach links den Blick in ein weites Tal. Rechter Hand breitet sich Mischwald über den Bergrücken aus. Irgendwo dort hinter den Bäumen verlief die Deutsch Deutsche Grenze. Hier auf dieser Seite lebten die Menschen in Freiheit und hinter den Bäumen lauerte der Zaun mit Minen, Wachhunden und was den Staatsoberhäuptern noch so eingefallen ist, ihrem Volk die Freiheit zu rauben, sie in einem riesigen Freiluftknast einzusperren und anders denkende zu drangsalieren. Eine Grenze undurchdringlicher als der tiefste Urwald.

Die Richtung stimmt nicht

Noch genieße ich für eine kurze Zeit die Landschaft, bis sich die Straße nach links den Hang hinunter stürzt. Schnell wird aus dem beschaulichen dahingleiten eine rasende Abfahrt. Der Wind zerrt an den Haaren und die Hände verkrampfen sich wieder mal bei dem Versuch, das Rad samt seinem Gepäck zu bändigen. Dies ist auch zwingend nötig. Denn am Ende des Gefälles warte

Wieder mal an der Grenze
Wieder mal an der Grenze

te eine scharfe Rechtskurve. Wenn ich weiter auf der Straße bleiben will, muss das Rad unbedingt wieder langsamer werden. Zum Glück ist jetzt sonst niemand anderer unterwegs, so kann ich die volle Breite nutzend, durch die Kurve rauschen. Die Finger entspannen sich langsam wieder und lassen die Bremse wieder los. Während das Rad auf ebener Fahrbahn langsam wieder eine Geschwindigkeit zum Mitdenken aufnimmt, beschließe ich meine Bremsen wieder mal neu einzustellen. Nach den letzten Tagen hat ihre Leistung doch erheblich nachgelassen.

Jetzt wo wieder alle Sinne beisammen sind, stelle ich fest, dass sich das was ich sehe gar nicht sehen dürfte. Wenn das noch die richtige Straße ist, kann links von mir keine Ortschaft sein. Ein Blick auf die Karte bestätigt die Vermutung. Schon lange vor der Abfahrt führte der Weg in die falsche Richtung. Irgendwo ist mir der nächste Abzweig nach rechts in den Wald entgangen. Also anhalten, umdrehen und wieder zurück fahren. Doch bevor ich wieder die Kurve und die Steigung erreiche, weist ein kleines unscheinbares Schild, links nach Weilrode. Nicht ganz so steil wie die Abfahrt vorhin, nehme ich das Angebot gerne an und folge der Straße, die hier noch befestigt, den Berg hoch führt. Auf halber Strecke schaufelt ein Bauarbeiter mit einem Bagger, die Erde von einer Seite der Böschung auf die Andere. Nicht zu schnell, man könnte sonst noch vor dem Feierabend fertig werden.

Wo einst die DDR-Grenzer nach Flüchtlingen suchten

Kollonenweg an der Grenze
Kolonnenweg an der Grenze

Oben angekommen verschwindet der Weg im Wald und damit auch der Asphalt unter den Rädern. Noch lässt es sich auf dem Schotter einigermaßen gut fahren. Nach der Karte müsste der Weg immer gerade ausführen. Geradeaus führt von nun an aber nur noch der Kolonnenweg der ehemaligen Grenze. Auf den Betonplatten mit den langen Löchern ist das Radfahren fast unmöglich. Auch der Versuch zwischen den Platten zu fahren, ist nicht wirklich befriedigend. Das hohe Gras verhindert jeden Blick auf den Weg und so bleibe ich immer wieder in tiefen Löchern stecken. Mal mit und mal ohne Wasser, mal mit und mal ohne Schlammfüllung. Das Fahren wird zur Qual und der Orientierungssinn meldet mal wieder Unstimmigkeiten.

Ein schmaler Weg nach rechts, eröffnet nach einiger Zeit, endlich eine Möglichkeit dem Kolonnenweg zu entkommen. Beide Hände tief in die Bremsen vergraben, holpere ich den Pfad nach unten und endlich erscheint wieder breiter Weg mit gutem Schotter vor meinen Augen. Nach allen Berechnungen müsste es nach links weitergehen. Doch schon nach wenigen hundert Metern ist wieder Schluss. Der Weg ist zu Ende und eine Wendeschleife führt wieder zurück an den Anfang des Kolonnenwegs.

Und weiter geht die Suche

Wieder alles von vorn. Das kann doch nicht wahr sein. Nächster Versuch. Der nächste Weg zweig diesmal nach links ab, leicht den Berg hoch. Bis zum Waldrand und noch ein kleines Stück am Rand entlang, fährt es sich hier leidlich gut. Aber irgendwann ist auch hier Schluss und schieben ist wieder angesagt, bis sich auch das letzte bisschen erkennbarer Weg in einer Wiese verliert.

Nicht noch einmal zurück. Nicht wieder auf den Kolonnenweg. Schon über eine Stunde suche ich nach richtigem Weg nach Weilrode. Sag mir noch mal einer, man erlebt keine Abenteuer in Deutschland. Verbissen und leicht verzweifelt geht es in die nun eingeschlagene Richtung über die Wiese. Nach einigen hundert Metern, lässt sich dann auch der so heiß begehrte Asphalt wieder erblicken. Wie bestellt gehen dort zwei Frauen mit ihren Hunden spazieren. Ich frage sie nach dem Weg. „Das ist ganz einfach:“ sagt die jüngere von den Beiden“ Sie müssen nur der Straße nach unten folgen und dann sehen sie schon ein kleines Schild nach links. Von da aus müssen sie nur noch über den Berg gerade aus.“

Das klingt so schön einfach, nach den letzten eineinhalb Stunden herumirren. Doch schon mit dem Erreichen des kleinen Schildes nach links wird mir klar, dass es alles andere als einfach sein wird. Ich kenne das Schild und den Bagger auf der Straße kenne ich auch. Hier fing sie an die Odyssee durch den Wald auf dem Kolonnenweg. Hab ich unterwegs irgendein Abzweig verpasst? Ein Schild übersehen? Bevor das Abenteuer noch mal von vorne beginnt, frage ich sicherheitshalber den Baggerfahrer. Er wird sich hier wohl auskennen. Dieser hat inzwischen Gesellschaft bekommen, was seine Arbeitsleistung nicht unbedingt erhöht. Auf meine Nachfrage erfahre ich nun, dass es den Weg nach Weilrode schon seit Jahren nicht mehr gibt. „das Schild müsste man mal wegmachen“ kommentiert er die Lage. „Es irritiert schon ein bisschen“. Mit der Gelassenheit wie er dies ausspricht, hört sich aber nicht so an, als würde das noch in den nächsten 5 Jahren geschehen.

Endlich wieder Schilder

Endlich wieder Schilder
Endlich wieder Schilder

Der zweite Mann fängt nun an mir den Weg zu erklären. Ich muss noch weiter zurück. Denn Berg wieder hoch und dann links durch den Wald, da gibt es eine Abkürzung.“ Ich bedanke mich freundlich und beschließe dieser Abkürzung nicht zu folgen. Die nächste Straße die nach Duderstadt führt soll meine sein, ich habe keine Lust mehr auf Experimente. So muss ich die kleine Straße wieder hochfahren, bis ich wieder an der Grenzanlage oben auf dem Berg ankomme. Von dort folge ich einfach der Straße, auf der ich ganz am Anfanbg schon ein Stück bergab gefahren bin. Wie groß ist die Freude, als mir die ersten grünen Schilder, wieder den Weg für Radfahrer weisen.

Die letzten Kilometer bis Leinefelde sind nun schnell zurück gelegt. Was so ein paar Schilder am rechten Fleck doch bewirken können. Auf dem Bahnhof endet vorerst die Reise durch die grüne Mitte. Ich kaufe mir ein Ticket und fahre mit dem Zug für ein Wochenende nach Hause zurück. Ein Livekonzert am Ostseestrand am Wochenende wartet auf mich als Fotografen. Und mein Körper sagt dankbar endlich Pause.


  • Broken im Morgennebel
    Broken im Morgennebel

9. Etappe: Von Neu Eichenberg nach Eschwege

8. Etappe: Von Bad Harzburg nach Torfhaus

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