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Deutschland der Länge nach / von Peiting nach Füssen

18. Etappe: Peiting – Füssen, 59,29 Km

Das Frühstück fällt diesmal richtig üppig aus. Geradezu fürstlich, im Vergleich zu meinen Campingplatzbrötchen mit Marmelade. Damit die Frühstücksküche nicht zu sehr ins Gewicht fällt, fährt immer nur ein Glas Marmelade mit und das reicht leider ziemlich lange für eine Person. Und so freue ich mich umso mehr, über die heutige Abwechslung auf dem Speiseplan. Auch das Packen nach dem Frühstück fällt heute deutlich leichter. Das ganze Campinggeraffel ist ja noch in seinen Taschen verstaut.

Nachdem das Rad wieder gepackt ist, kann es weiter gehen. Noch ist mir so gar nicht bewusst, dass dies nun meine letzte Etappe ist. Das Wetter versüßt den frischen Tag mit ausgiebigen Sonnenschein und einer leichten, erfrischenden Brise. So darf es von mir aus den ganzen Tag bleiben.

Gerade Linien und große Bogen
Gerade Linien und große Bogen

So richtig schön ist es gerade nicht an der B 23. Umso besser, dass mein Fernradweg sich in einer geraden Linie von dem Bogen der Bundesstraße entfernt. Getreu der Radfahrerweisheit, dass die großen Bögen auf der Karte, in bergigen Regionen, die längere und die weniger Steile Strecke ist, wähle ich natürlich wieder mal wieder mal den kurzen, geraden Strich. Mit über 12% Steigung wird dies dann auch postwendend geahndet. Während ich mit aller Kraft das Rad samt Gepäck die Steigung hinauf wuchte, spüre ich hinter mir wie sich etwas, mit deutlich höherer Geschwindigkeit, nähert und gleich darauf überholt es auch schon. Nein es ist kein Auto, Motorrad oder dergleichen. Ein älterer Herr sitzt entspannt auf seinem Pedelec und zieht locker an mir vorbei. Ungerecht, blitzt es mir durch den Kopf. Er ohne Gepäck und mit Motorunterstützung, ich mit all meinem Hab und Gut und nur mit Muskelkraft angetrieben. Aber auch der längste Berg hat ein Ende und so schiebt mich die Masse des Gepäcks bergab an dem E-gedopten Opa wieder vorbei.

Mein Blick schweift über die grünen Wiesen, erspäht die Turmspitze einer Kirche in ihrer typischen Zwiebelform. Ein Stück weiter hängt Jesus an einem mit Blumen wohlgeschmückten Kreuz und im Hintergrund strahlt ein frisch restaurierter Hof mit einer großen Solaranlage auf dem Dach. Hier werden die Traditionen gepflegt und stehen dem Fortschritt doch nicht im Wege. Immer wieder mal taucht am Ende einer Steigung das Panorama der Alpen auf und zeigt mir wie das Ziel immer näher kommt.

Die Milch machts

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Häschen in der Grube

Am Wegesrand ist wieder mal einer der vielen Rastplätze anzutreffen. Zwischen Rottenbuch und Schönegg gibt es eine Rundtour mit Informationen über die Milch. Die Tafel am Rastplatz informiert über Ziegen- und Schafsmilch. Am Gestell daneben, hängen verschieden große Kuhglocken in zwei Reihen übereinander. Darunter bunte Noten zu den Liedern Hänschen klein, Häschen in der Grube und Fuchs du hast die Gans gestohlen. Die Farbe der Noten findet sich auf den Glocken wieder. Notenlesen für Anfänger. Also für mich. Zum Glück hört und sieht mir niemand zu, wie ich die Umgebung mit undefinierbaren Gedingel und Gedangel belästige.

Um die letzte Etappe etwas zu verlängern, verfahre ich mich bei Rottenbuch wieder mal. Entweder fehlte ein Schild oder meine Augen waren zu sehr mit der schönen Landschaft um mich herum beschäftigt. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass ich bald auf den Bodensee-Königssee-Radweg treffen werde. Das sind gerade mal 15 Kilometer östlich der eigentlichen Route. Und der Bodensee-Königssee Radweg führt auch wieder zurück auf die Romantische Straße und damit genau nach Füssen zu meinem Ziel. Besser kann es ja gar nicht kommen. So hat sich meine Tour um ein paar Kilometer in schönster Landschaft mit Alpenpanorama verlängert.

Zur Sicherheit frage ich noch ein Pärchen, dass mit seinen MTB’s Pause an einer Wegkreuzung macht, ob dies denn auch der richtige Weg sei. „Ja freilich“, bestätigen mir Beide einstimmig. „Einfach nur 15 Kilometer durch den Wald dem Weg folgen. Da kommst scho a“.

Das andere Geradeaus

Also los geht’s. Über feinen Schotter führt der Weg direkt in den Wald hinein. Zügig geht es voran bis, ja bis die erste Weggabelung wieder mal den Pfadfinderinstinkt erfordert. Lediglich ein Schild zeigt den Rundkurs einer Langlaufloipe an. Ein weiteres Schild glänzt weiß und ganz ohne Aufschrift in der Sonne. Nicht besonders aussagekräftig. Erst recht nicht, da ich nicht mit Skiern unterwegs bin und zur Zeit auch der Schnee dazu fehlt. Anhand der Fahrspuren im Kies, lässt sich allerdings erkennen, dass der Großteil der Radfahrer wohl den rechten Weg bevorzugt. Viele Fliegen können nicht irren, denk ich mir und folge einfach den Spuren.

Bodensee-Königsee-Radweg
Welches Geradeaus soll ich nehmen?

Weitere fünf Kilometer später, folgt auf einer Lichtung ein ähnliches Szenario. Mit dem Unterschied, dass diesmal genau zwischen beiden Wegen einer Gabelung, ein Pfeil nach geradeaus zeigt. Ob der Pfeil das rechte oder linke Geradeaus meint, ist leider nicht ersichtlich. Auch die Radspuren lassen diesmal keine eindeutige Richtung erkennen. Der Bauch sagt links und so geht es weiter bis zu einem Bachlauf. Grobes Geröll weißt auf starke Hochwasser zur Schneeschmelze hin. Das Durchfahren, besonders mit einem vollgepackten Reiserad, ist hier nicht möglich. Jetzt im Sommer fließt kaum noch Wasser zwischen den Steinen durch. So lässt es sich trocknen Fußes über die Steine balancieren. Was ist aber im Frühling? Wenn hier so richtig Wasser runterkommt und die Strömung reißend ist? Wer keine Lust auf eine packende Flussquerung hat, muss hier wieder umdrehen.

Das nächste Hindernis ist eher einfacher Art. Ein Gatter versperrt die Weiterfahrt über die Alm. Die Durchfahrt ist erlaubt und dass man danach das Gatter wieder schließt, sollte selbstverständlich sein. Schließlich möchte der Landwirt seine Kühe nicht als Reisende auf dem Bodensee-Königssee Radweg suchen. Aber wo sind sie hin, die Kühe? Hat jemand das Tor offen gelassen und alle sind auf die Reise gegangen? Erst im angrenzenden Wald treffe ich das Hornvieh im Schatten liegend an. Und es schaut mich an, als wollte es mir sagen – „wie bekloppt muss man sein, bei dieser Hitze mit dem Rad zu fahren“.

Die Jagdsaison ist eröffnet

Die Sommerhitze steigt an den Bergwänden empor, und sorgt so für beste Bedingungen für Gleitschirmflieger. In großen Schleifen kreisen sie über die Köpfe der Spaziergänger und Radfahrer hinweg. Eine Familie mit zwei Kindern macht Pause unter einer Gruppe Bäumen. Während die Eltern den kühlen Schatten genießen und den Gleitschirmfliegern zuschauen wie sie sich langsam den Boden nähern, haben die zwei Kurzen die Jagdsaison auf Grashüpfer und anders Wiesengetier eröffnet.

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Gleitschirmflieger vor Füssen

Als letzte und auch als ganz besondere Sehenswürdigkeit auf meiner Reise, erscheint nun das Schloss des bayrischen Königs Ludwigs II vor dem eindrucksvollen Hintergrund der Alpen. Stolz thront es von Türmchen, Zinnen und Erkern geschmückt auf seinem Felsen. Von dort oben aus konnte der Märchenkönig den schönen Ausblick auf sein Bayernland genießen. Geschmack hat der Mann schon gehabt, auch wenn vielleicht seine Realität ein wenig aus der Reihe getanzt ist.

An einer Wiese, mit bestem Blick auf das Schloss, parken am Straßenrand reihenweise Autos und Menschen posieren vor der Kulisse zum Fotografieren. Jeder möchte vor Neuschwanstein abgelichtet werden. Ich hätte ja auch gerne noch ein Foto von diesem ehrwürdigen Gemäuer, aber irgendwie ist es mir peinlich, mich zu dieser Ansammlung dazuzugesellen. Also rolle ich noch ein Stückchen weiter die Straße hinab und finde dann eine eigene, wie ich finde, genauso schöne Perspektive für ein Foto des Märchenschlosses.

Füssen, ich bin am Ziel angekommen

Die letzten Kilometer bis Füssen sind dann ganz schnell bewältigt. Am Ortsschild bringe ich nochmal die Kamera in Position, um meine Ankunft zu dokumentieren. Danach soll es erst mal zu Bahnhof gehen, um mir eine Fahrkarte für eine gute Verbindung über Nacht nach Hause zu kaufen.

Füssen ist erreicht
Ich bin an meinem Ziel angekommen

Der Bahnhof ist auch schnell gefunden, mit der Fahrkarte habe ich allerdings die Rechnung ohne die Bahn gemacht. Schon am Automaten werde ich stutzig. Entweder er zeigt nur ewig lange Verbindungen mit Nahverkehrszügen an. Oder eine Verbindung am nächsten Tag mit Abfahrt um 5:36 Uhr. Die nächste dann wieder in drei Tagen um 5:36 Uhr.  Zum Glück gibt es hier noch einen Schalter für die Auskunft. Doch auch die junge und sehr freundliche Dame hinter dem Glas, kann mir keine anderen Verbindungen nennen. So sehr sie sich auch bemüht, 5:36 Uhr oder eineinhalb Tage mit Bummelzügen. Pech wer mit dem Fahrrad verreist.

Was hilft es sich über Dinge aufzuregen, die man sowieso nicht verändern kann. Ich kaufe das Ticket für 5:36 Uhr und fahre dann zur Jugendherberge. Schließlich möchte mich Füssen ja noch bis morgen hier behalten. Da wartet dann die nächste Überraschung. Bisher war es immer möglich, gegen einen kleinen Aufschlag, ein Einzelzimmer zu erhalten. Hier muss ich mir das Zimmer mit fünf anderen Personen teilen, obwohl die Herberge nicht ausgebucht ist. Einzelzimmer gibt es hier nicht, war die klare Aussage.

In der letzen Nacht bin ich nicht mehr alleine

Ich finde es abends schon sehr angenehm, wenn ich die Tür hinter mir zu machen kann und bin für mich alleine. Anderseits ist aus auch nicht so tragisch mit anderen in einem Zimmer zu schlafen, wenn keiner schnarcht. Dumm in diesem Fall ist nur, dass mein Wecker schon für halb fünf den Auftrag hat, mich aus dem Schlaf zu holen. Das gilt dann auch für alle anderen Zimmergenossen. Damit es möglichst wenig Störungen gibt, habe ich mir das Bett direkt neben der Tür rausgesucht. Taschen und Kleidung liegen auch bereit, so dass ich alles nur schnell und ohne Licht anzumachen,  auf den Flur bringen kann. Anziehen kann ich mich dann vor der Tür.

Nach dem Duschen lerne ich dann noch Raphard aus Augsburg kennen. Er zieht gerade ins gleiche Zimmer ein und seine Packtaschen entlarven ihn als Radfahrer. Klar dass wir schnell ins Gespräch kommen. Raphard ist die Strecke von Augsburg bis Füssen an einem Tag durchgefahren. Mit seiner Frau Rad zu fahren macht ihm auch sehr viel Spaß. „Nur einmal im Jahr – da muss es ein bisschen mehr sein“, erzählt er mit einem Lächeln. „Auf dieser Tour zieht es mich aufs Timmelsjoch und dann mal schauen wie ich zurück fahre.“ Möglichst viele Kilometer am Tag und es rollen lassen. Das ist sein Radfahrerglück.

Mein letzter Abendspaziergang

Dank der außerplanmäßigen Übernachtung, bleibt jetzt mehr Zeit für Füssen. Die angenehm frische Abendluft zieht viele Menschen nach draußen. Die Tische der Cafés und Restaurants sind wieder mal gut gefüllt und die Suche nach einem freien Platz für das Abendessen, gestaltet sich wieder mal etwas schwieriger. Mit etwas Geduld findet sich dann auch für mich noch ein Plätzchen. Eine leckere Pizza und ein alkoholfreies Weißbier füllen den Kalorienspeicher schnell wieder auf.

Abends am Lech
Abends am Lech

Nach dem Essen führt mich der Verdauungsspaziergang nochmal an den Lech. Die Klamm direkt unterhalb des Lechfalls ist beeindruckend. Ein kleiner Restbestand an Natürlichkeit des wilden Stroms. Auch wenn hier dem Fluss wieder einmal Wasser zur Stromgewinnung entzogen wird, verhindert eine Regelung über die Mindestmege, die im natürlichen Bett erhalten bleiben muss, dass der Lechfall kein Wasser mehr führt. Vor dem Umbau und dieser Regelung aus 2007, war die Klamm an gut 80 Tagen im Jahr trocken.

Hier an der Grenze zu Österreich verlässt die Via Claudia Augusta Bayern und macht sich auf den Weg über die Alpen. Mir scheint es mir nicht so, als wäre ich am Ende meiner Reise angekommen. Vielmehr ist das Schild, welches Österreich von Deutschland trennt, wie ein Tor zu neuen Entdeckungen. Via Claudia Augusta, auf diesem Weg sind einst die Römer über die Alpen gezogen. Wie gerne möchte ich diesen Weg erfahren und erleben. Doch jetzt ist erst einmal der Rückweg nach Hause angesagt. In der letzten Nacht träume ich noch von meinen Erlebnissen auf dieser Reise bis der Wecker mich zum Aufstehen auffordert.


  • 12% und 30 Grad. Schöner wirds nicht:

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