Panne vor Peiting
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Deutschland der Länge nach / von Augsburg nach Peiting


 17. Etappe: Augsburg-Peiting , 95,20 Km

Gespannt was der heutige Tag an Ein-, Aus- und vielleicht auch Durchblicken bringen wird, trage ich die Taschen nach draußen zu meinem treuen Reisegefährten. Zwischenzeitlich hat sich ein weiteres Reiserad dazugesellt. Während die Taschen wieder ihren Platz an den Trägern finden, trifft auch der zweite Radler ein. Klar dass sich die Abfahrt jetzt ein wenig verzögert. Zuerst müssen wir noch Reiseerfahrungen austauschen.

Gestartet ist er in Frankreich, ist durch die Po Ebene nach Slowenien, Kroatien, Albanien geradelt. Von dort ist er dann auf die Nordseite der Alpen gefahren um wieder zurück nach Hause zu fahren. Vor rund 8.000 Kilometer hat seine Tour begonnen und nun scheint es ihm, als wäre er schon direkt vor seinem Ziel. Wo er genau zuhause ist, habe ich aufgrund der spannenden Erzählung vergessen zu fragen. Sein Akzent war eindeutig amerikanischer Herkunft, sein Deutsch sehr gut und der leicht französische Einschlag noch deutlich herauszuhören.

Doppelte Buchführung und sozialer Wohnungsbau

Von hier ab, habe ich nun wieder die Wahl zwischen der Romantischen Straße und der Via Claudia Augusta. Meist verlaufen die beiden Fernradwege parallel zueinander rechts oder links des Lechs. Ab und an treffen sie sich und beide führen zu meinem Ziel nach Füssen. Doch bevor ich mich auf den Weg dorthin mache, wollte ich unbedingt noch zwei besondere Orte in Augsburg besuchen.

Augsburg Fuggersiedlung
Augsburg Fuggersiedlung

Das erste Ziel ist die Fuggersiedlung. Jakob Fugger war nicht nur ein sehr erfolgreicher Kaufmann, er machte sich auch um das Wohl der Augsburger Gedanken, die eher am unteren Rande der Einkommensskala leben mussten. Für diese Bedürftigen gründete er eine Stiftung und lies ein Wohnviertel bauen. Mit den anderen Kaufleuten hatte er weniger freundliches im Sinn. Aus Italien brachte er die doppelte Buchführung mit, die mir als Azubis in der Berufsschule nicht selten den Kopf brummen ließ. Die Ausbildung habe ich, trotz der Hürden Fuggers, mit gut bestanden.

Jetzt heißt es aber erst mal an der Kasse bezahlen und kann mir dann in Ruhe die Fuggersiedlung anschauen. Schon am Eingang des ersten Hauses, stört im Vorgarten der Stilbruch mit den Plastikgartenstühlen und den Keramikpiepmätzen zwischen den Blumen. Kaum betrete ich das Haus, wird es noch besser. „Könnte man hier nicht die

In der Fuggersiedlung
In der Fuggersiedlung

Tür schließen?“ Fährt es mir durch den Kopf. Ich finde es für ein Museum unpassend, dass man schon im ersten Haus auf geflieste Hauswirtschaftsräume mit Waschmaschine und Trockner schauen kann. Fugger war zwar um seine bedürftigen Bürger bemüht, doch so etwas hat er ihnen mit Sicherheit nicht zur Verfügung gestellt. Im nächsten Raum wird es dann noch besser. Dort steht breit der Fernseher auf einem Sideboard der 70er. „Was soll das denn sein?“ Etwas enttäuscht und auch irritiert, suche ich mir jemanden der sich hier auskennt. Der ist auch schnell gefunden und er klärt mich freundlich auf.

„Das was sie dort sehen, ist eine Musterwohnung. Sie müssen wissen, die Fuggerstifftung ist heute immer noch tätig und noch heute werden diese Wohnungen für 88 Cent Jahreskaltmiete und drei tägliche Gebete für den Stifter, an bedürftige Menschen vermietet,“ ein gewisser Stolz über die Stiftung, schwing in seinen Worten mit und mir wird bewusst, das ist kein totes Museum, die Fuggersiedlung ist ein Stück lebendige Geschichte.

„Wenn Sie eine Wohnung besichtigen wollen, wie man sie vor 500 Jahren mieten konnte“, fährt er fort, „dann gehen Sie die Straße runter. Dort finden sie eine originale Wohnung vor. Sie werden feststellen, dass die Menschen für die damalige Zeit, dort schon ganz gut leben konnten.“

Nachdem ich mich von der Lebensqualität der Wohnung von früher überzeugt habe, lerne ich noch an einer Tafel über einem Hauseingang, dass auch der Uronkel von Wolfgang Amadeus Mozart in der Fuggerei zuhause gewesen ist.

Der DDR-Sport braucht Goldmedalien

Viel jünger und doch auch schon ein Stück Geschichte, ist der Eiskanal, der als nächstes auf meinem Besuchsprogramm steht. Ursprünglich gehörte der Kanal zum Augsburger Kanalnetzt des Lechs. Über den Kanal wurde früher das Treibeis abgeleitet, damit es nicht in die Turbinen des Kraftwerks gerät.

Der Eiskanal
Der Eiskanal

Zur Olympiade 1972 wurde ein Teil des Kanals zu einer Wildwasserstrecke ausgebaut. Damit entstand das weltweit erste künstliche Kanuslalom-Stadion. Ein ziemliches Problem für die Kanuten der ehemaligen DDR. Bei einem ersten Wettbewerb 1971, kamen sie kaum mit den Verhältnissen der künstlichen Wildwasserstrecke zurecht. Die so wichtigen Siege blieben aus. Die DDR wäre aber nicht die DDR, wenn sie dem Klassenfeind einfach das Feld überlassen hätte. Sportliche Siege waren umso wichtiger, je mehr das Land wirtschaftlich ins Hintertreffen geriet.

Um das Problem zu lösen, schickte man Werner Lempert, einen Funktionär des Ostdeutschen Kanuverbandes, mehrmals nach Augsburg um den Kanal heimlich zu Fotografieren und zu vermessen. In Zwickau wurden seine Notizen und Fotografien in eine Kopie des Eiskanals umgesetzt. Mit Erfolg, wie sich dann 1972 erweisen wird. Die sozialistischen Kanuslalom-Fahrer gewinnen alle Wettbewerbe. Die bundesdeutschen Kanuten müssen sich mit Silber- und Bronzemedaillen begnügen.

Ob die Kanuten, die dort unten von einem in das andere Kehrwasser traversieren oder sich von den Walzen der großen Hindernisse anziehen und am Ende wieder ausspucken lassen, etwas von dieser Geschichte wissen? Ihren Gesichtern nach, haben sie wohl in erster Linie ihren Spaß im tosenden Wasser.

So langsam wird es Zeit, dass ich mich von Augsburg löse und dem Lech weiter stromaufwärts folge. Doch der lässt sich erst mal nicht sehen. Der Siebtischwald ähnelt mehr einer Auenlandschaft. Auch im Haunstedter Wald ändert sich die Landschaft nicht. Im Schatten des Waldes lässt es sich entspannt und gut gekühlt durch die Sommerhitze radeln.

Der Lech in Stufen

Lechstaustufe 23, oberhalb der grauen Betonmauern, liegt der Mandichosee. Rund um den See hat sich ein kleines Freizeitparadies zum Baden, Surfen, Angeln, Chillen entwickelt. Auf ein Bad im erfrischenden Nass habe ich keine Lust. Der Tag scheint wie zum Radfahrern gemacht. Fast von alleine rollen die Reifen über den festen und feinen Kies. Der Wind erfrischt trotz der Hitze und die Landschaft läuft wie in einem guten Film an mir vorbei. So könnte ich stundenlang weiterrollen.

Lechstaustufe
Lechstaustufe

Lechstaustufe 22. Hier überquere ich den Lech und staune selbst über den zurückgelegten Weg. Vor der Staustufe sagt der Wegweiser es sind noch 28 km bis Landsberg. Direkt nach der Staustufe sind es nur noch 25 km. Wahnsinn, innerhalb der letzten 700 Meter die mein Tacho anzeigt, habe ich drei Kilometer zurückgelegt. Es läuft anscheinend so gut, dass mein Tacho nicht mit dem Zählen hinterher kommt. Dass dem nicht so ist, wird mir langsam klar, als mein Vorrat an Getränken ausgeht und sich auf dem Land in der Mittagszeit kein einziges offenes Geschäft finden lässt.

Auf dem Weg von Scheuring nach Prittriching steht auf einer leichten Erhebung zwischen den Feldern unvermittelt eine kleine Kapelle ganz aus Kupferblech Zu Ehren von Franz von Assisi wurde im Jahr 2006 diese kleine Kunstwerk hier in mitten der Felder aufgebaut. Eigentlich lädt die Kapelle mit ihren runden Fenstern zur Meditation und inneren Verweilen ein.

Unter den Strahlen der Sommersonne jedoch, entwickelt sich die kleine Kapelle zu einem

Assisi Kapelle bei Prittriching
Assisi Kapelle bei Prittriching

Kupferkessel, mit Temperaturen wie auf einem Lagerfeuer. Eine Andacht in aller Stille ist hier nur im Schweiße seines Angesichts möglich und schon die leiseste Anstrengung beim Fotografieren, lässt den Schweiß rinnen wie in einer finnischen Sauna.

An der Lechstaustufe 19 treffe ich wieder mal auf den Fluss. Flussaufwärts fahrend erhebt sich eine graue Wand aus dem Wasser. Oben an der Staustufe angekommen, bietet der Lech einen traurigen Anblick. Ein algengrüner Wasserteppich breitet sich hier aus. Ausgebremst, gebändigt, zum Industriegewässer degradiert.

In Ihrem Buch „Am grünen Fluss“, erzählt Carmen Rohrbach von ihrer Wanderung entlang der Isar, von der Quelle bis zur Mündung. Von einem wilden, ungestümen und auch für Menschen gefährlichen Fluss. Aber auch davon, wie sich der Mensch die einst ungestüme Natur für seine Zwecke nutzbar macht und in ihre Schranken weist. Ihn bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Und wie sich der Mensch langsam wieder umbesinnt und dem Fluss einen Teil seiner Persönlichkeit wieder zurückgibt. An dieses Buch muss ich beim Anblick auf das grüne Wasser denken. Der Lech hätte es auch verdient, dass wir ihm ein großes Stück seiner Natürlichkeit wieder zurückgeben.

Von Landsberg auf den „Balkon von Oberbayern“

Wie schön können größere Städte für Radler sein. In Landsberg am Lech findet sich endlich ein offenes Geschäft, zum Nachfüllen meiner Getränkevorräte. Eine Flasche mit giftgrüner Limonade nehme ich mir gut gekühlt aus dem Kühlschrank mit. Kaum bin ich wieder vor der Tür und an meinem Rad, fließt das süße grüne Nass durch meinen Hals. Kaum zu glauben wie erfrischend das sein kann.

„Balkon von Oberbayern“

In der Innenstadt von Landsberg sitzen die Menschen im Schatten vor den Cafés. Sie lesen die Zeitung, tauschen sich mit ihren Nachbarn über die neusten Ereignisse im Land aus oder schauen einfach nur den andern Leuten hinterher. Ein weiter Reiseradler fährt vor die Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt vor. Seine braungebrannte Haut sticht richtig vor der strahlend weißen Kirchenwand hervor. Scheinbar hat er es ein wenig eilig. Er schaut kurz an der Kirche hoch und einmal über den Platz, um dann gleich wieder in die Pedale zu steigen. So wird es nichts mit dem Erfahrungsaustausch. Ich bleibe lieber noch einen Moment bei meiner Tasse Kaffee hier sitzen und passe mich dem entschleunigtem Tempo der Einheimischen an.

Irgendwann ist dann auch der größte Milchkaffee getrunken. So verlasse auch ich die schöne Innenstadt mit ihren liebevoll herausgeputzten Häusern und fahre meinem nächsten Etappenziel entgegen. Fast unmerklich habe ich mich den ganzen Tag Höhenmeter um Höhenmeter nach oben pedaliert. Die eine oder andere Steigung war dann auch nicht mehr so ganz ohne. Und mit jedem Kilometer den ich zurücklege, wird die Region immer ein Stückchen schöner ,lieblicher oder besser gesagt – bayrischer.

Und dann ist es soweit. Kurz vor Reichlingen erreiche ich den Balkon von Oberbayern. Von hier aus eröffnet sich der Blick auf die Alpen. Die Aussicht ist zwar ein wenig trübe, aber nicht weniger beeindruckend. Ein Moment, auf den ich lange hingeradelt bin. Jetzt sollte ich eigentlich glücklich sein. Liegt doch meine Ziel, die Alpen, nur noch eine Tagesetappe von mir entfernt. Doch da ist noch dieses böse Wort eigentlich. Weil, uneigentlich finde ich das Panorama zwar einfach großartig, aber die Tour bis hierher war viel zu schön, um bald schon zu Ende zu sein. Noch eine Weile genieße ich den Ausblick. Dann setze ich mich doch wieder auf das Fahrrad um meinem Ziel entgegen zu fahren. Man soll doch aufhören wenn es am schönsten ist. Also dann. Los geht´s.

Ein Platten muss sein

Auf der Karte ist in Schongau weder eine Jugendherberge noch ein Campingplatz auszumachen. So beschließe ich die letzte Nacht in einem Hotel zu verbringen. Doch in Schongau ist schon alles belegt. Es dauert noch einige Telefonate, bis ich ein Hotel in Peiting finde. Etwas abseits der Romantischen Straße aber doch noch gut zu erreichen.

Eine Panne muss sein
Eine Panne muss sein

Schwungvoll nehme ich in einem Gewerbegebiet die Kurve und dann ist es passiert. Eine verlorene Flasche, viele Scherben und keine Möglichkeit auszuweichen. Noch bevor das Rad stehen kommt, ist alle Luft aus dem hinteren Reifen verloren. Ich nutze den unfreiwilligen Stopp, um die letzte Morgenfeuchtigkeit aus dem Zelt zu trockenen und hänge alles über die Bank und breite es auf der Wiese aus. Dann ist der Hinterreifen dran. Das Loch ist schnell gefunden und schon bald steht das Rad wieder abfahrbereit auf seinen Rädern.

Vom Gewitter gejagt erreiche ich Peiting

Nach Peiting geht es nochmal ordentlich den Berg hinauf. Von den Alpen her wird es schwarz wie die Nacht, das aufziehende Gewitter mobilisiert noch mal meine letzten Kräfte und schneller näherkommenden Blitze treiben mich zusätzlich an. Gefühlt in der letzten Minute erreiche ich noch trocken das Hotel.

Mit seiner Strickjacke, der Weste über dem karierten Hemd und der Cordhose dazu, schaut er schon ein wenig traditionell aus, der Wirt. Natürlich und nicht aufgesetzt oder

auf Zwang in die Moderne transferiert. Echt halt. Auch ist er in seiner sehr freundlichen Art, in der Lage seinen einheimischen Dialekt zu pflegen und doch so viel Hochdeutsch einzubringen, dass man in bestens versteht. Nachdem das Fahrrad in der Tiefgarage verstaut ist, freue ich mich erst mal auf eine Dusche. Mit jedem Tropfen Wasser, der den Staub und Schweiß des Tages herunterspült, kehren auch schon wieder die ersten Lebensgeister zurück. Jetzt noch saubere Klamotten zum Anziehen und dann geht’s raus zum Italiener gegenüber. Pizza ich komme.

Die ganze Aufregung und die Eile auf den letzten Kilometern hierher, waren umsonst. Wie im Nichts lösen sich noch die letzten Wolken auf und zum Abend hin schauen wieder einige Sonnenstrahlen auf Peiting herab. Eine schön dünn belegte Pizza, ein guter Rotwein und viel, viel Wasser füllen die leeren Speicher wieder auf. Die Menschen um mich herum sind locker und entspannt und genießen noch bis weit in den Abend hinein die laue Abendluft. Für mich wird es Zeit mein bequemes Bett aufzusuchen.

Richtig luxuriös ist das Zimmer und erst recht das Bett, im Vergleich zu den letzten Nächten. Während sich die Augen schließen und der Geist so langsam auf seine nächtliche Wanderschaft geht. Fliegen die Gedanken schon mal vor zu meinem Ziel und gleich wieder zurück nach Flensburg. Erhaschen hier und da mal ein Erlebnis von Unterwegs und bevor ich noch darüber nachdenken kann ob es schön oder traurig ist morgen das Ziel zu erreichen, verlieren sich die Gedanken im Schlaf.


  • Janbeck*s FAIRhaus in der Geltinger Bucht
    Janbeck*s FAIRhaus in der Geltinger Bucht


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