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Deutschland der Länge nach / von Schlitz nach Gemünden


12. Etappe: Schlitz – Gemünden, 110,45 Km, 6:25 Stunden

Durch die Zeltwand dringen Geräusche, die auf das Packen meines Zeltnachbarn schließen lassen. Ein guter Grund noch eine Weile den Schlafsack von innen zu wärmen. Frühaufstehende Reisende, soll man nicht am Fahren hindern. Und bevor ich der Grund für die Fortführung der gestrigen Unterhaltung bin und ihn damit am Abreisen hindere, bleibe ich lieber liegen.

Ein holländisches Pärchen verlässt mit mir den Campingplatz. Wir haben uns am Vorband kennengelernt, weil mir das, für Radlergepäck, sehr große Zelt der Beiden aufgefallen ist. Natürlich wollte ich wissen, warum sie mit so einem großen Zelt unterwegs sind und wie sie es auf ihren Fahrrädern verstauen. Schon etwas stolz, lächelt er mich an und erklärt mir, dass das Zelt neu sei, ein Meter sechzig Stehhöhe habe und gerade mal 4,5 Kilo wiegt. „Boah:“ fährt es mir durch den Kopf und denke dabei an meine Hundehütte. Nur halb so groß und doch genauso schwer wie der Stoffpalast der Radkollegen. Seit fast 20 Jahren begleitet mich nun schon mein tausend Sterne Hotel. Die ersten Flicken sind auch schon erforderlich gewesen. Ich glaube, wenn ich nach Hause komme, werde ich mich nach einem neuen Reisepartner umsehen.

Zwei Holländer auf dem Weg nach Fulda

Domstadt Fulda
Domstadt Fulda

Die Zwei lassen es etwas gemütlicher angehen und so trennen wir uns schon bald nachdem wir Schlitz verlassen haben. Die Fulda schlängelt sich durch satt grüne Wiesen, eingerahmt in die sanfte Hügellandschaft. Immer wieder fordern schöne Fotomotive zum Halten auf und fast jedes Mal, wenn ich mit Blende, Belichtung und Ausschnitt jongliere um die Landschaft angemessen einzufangen, überholen mich die beiden Holländer. Auf einer Anhöhe bleibe ich stehen. Von hier oben aus, lässt sich in der Ferne die Domstadt überblicken. Wie Zipfelmützen schauen die Türme des ehrwürdigen Kirchenbauwerks über die Baumwipfel. Es dauert nicht lange da stehen zwei weitere Radler an der Bank mit diesem attraktiven Ausblick. Ihre beiden roten Räder glänzen im Partnerlook um die Wette.

Noch einmal treffe ich meine beiden Weg- und Zeltplatzgefährten, am Rande von Fulda. Zusammen suchen wir den Weg in die Innenstadt. Der Fuldaradweg ist ein Weg für und an der Fulda, daher braucht man scheinbar keinen Wegweiser in die Stadt hinein. Mit gemeinsamen pfadfinderischem Bemühen, finden wir über Seitengassen den Weg in die Innenstadt. Das Pärchen lässt sich gleich auf den Stühlen des ersten Cafés nieder und so trennen sich hier unsere Wege.

Fulda selbst ist ganz nett, jedoch stören einzelne Bausünden aus den 70ern. Irgendwie ist das Gesamtbild nicht so richtig rund und da es mich auch noch nicht zu einer Pause drängt, beschließe ich eine weitere Besichtigung auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben. Ja, ja, ich weiß. Man sollte unbedingt den Dom besichtigt haben. Aber was sollte man nicht alles unbedingt tun oder sehen und morgen ist doch auch noch ein Tag. Maniana eben.

Wohin fließt das Wasser? Auf der Wasserscheide zwischen Weser und Rhein

Noch einige Kilometern geht es weiter an der Fulda entlang, dann zweigt der Hessenradweg Nummer 2 ab und bestimmt ab jetzt Richtung. Es riecht nach saftigen Gras und noch kühler Waldluft. Nach einer Weile, steigt der R2, langsam aber doch deutlich spürbar, aus dem Tal heraus. Die Ruhe hier ist trügerisch. Immer wieder zeigt sich die A7, wenn sie in langen Brücken die Täler überquert, um danach gleich wieder im Wald zu verschwinden. Was nach ungestörter Natur und Idylle aussieht, bekommt durch die Autobahn immer wieder Flecke auf der sonst so grünen Weste.

Wasserscheide zwischen Weser und Rhein
Wasserscheide zwischen Weser und Rhein

Wieder einmal sorgt eine Baustelle dafür, dass ich die Straße für mich alleine habe. Frisch geteert zieht sich das tief schwarze Asphaltband weiter in die Höhe und wie es scheint, steigt mit jedem mühsam erarbeiteten Höhenmeter auch die Lufttemperatur kontinuierlich an. Oben angekommen wechsele ich nicht nur vom der Fulda in das Sinntal. Hier oben auf 525 Metern Höhe befindet sich auch die Wasserscheide von Rhein und Weser. Eine Schutzhütte mit Bank und Tisch davor, lädt zu einer Rast ein. Eine leichte Sommerbrise streicht über den Bergrücken und verschafft ein wenig Kühlung im Schatten der Bäume. Wasserscheide heißt, dass sich hier der Weg des Wassers in verschieden Richtungen auf seinen langen Weg in das Meer begibt. Wenn es regnen würde, würde alles was hinter mir regnet in die Weser fließen und alles vor mir in den Rhein und wenn sie an ihrem Ziel angelangt sind, schwimmen die Wassertropfen wieder vereint in der Nordsee. Wie schön, dass es heute nicht regnet und sich das Wasser nicht entscheiden muss, welche Richtung es für die nächste Zeit nehmen will. So bleibt für mich der kühle Schatten unter den Bäumen und die philosophische Frage, was ein Wassertropfen so alles erlebt, auf seiner Reise aus den Wolken bis zu Meer. Kommt er überhaupt dort an? Sucht er den Weg in das Erdreich um sich mit seinen Grundwasserfreunden zu treffen. Oder wird er vielleicht von uns Menschen wieder an die Oberfläche geholt und mit Chemie belastet durch den Abfluss gejagt.

Einfach nur rollen lassen, bis nach Gemünden am Main

Was nach der Pause kommt ist so schnell erzählt, wie es mich das Sinntal herunterspült. Hier oben ist es noch die Schmale Sinn, ein paar Kilometer abwärts wird sie sich mit ihrer großen Schwester vereinenden und nur noch Sinn heißen. Die Straße führt von nun an fast nur noch bergab, und der Verkehr hält sich in angenehmen Grenzen. So macht es einfach nur Spaß mit dem Wind in den Haaren, meinem Ziel Gemünden am Main entgegen zu gleiten. Eigentlich hätte das romantische Sinntal mehr Zeit verdient. Mir steht aber der Sinn nach meinem Lieblings Eiscafé in der kleinen Stadt am Main.

Im Tal der Sinn
Im Tal der Sinn

Das kleine Flüsschen schlängelt sich mit mir in das Tal hinunter und holt sich ab und an etwas Verstärkung von seinen Bächleinfreunden und natürlich auch Freundinnen, die mit ihrem Wasser das anfängliche Rinnsal zu einem munteren Bach werden lassen. Irgendwann ist sie dann schon so groß, dass sie gestaut wurde und große Mühlen antreiben konnte. So wechseln sich ruhige Wasserflächen mit dem quirligen Lauf eines weitestgehend naturbelassenen Bachlaufs ab.

Hin und wieder unterbreche ich die Abfahrt um die Umgebung etwas bewusster wahrnehmen zu können. Hier im Süden unserer Republik, hat es schon länger nicht mehr geregnet und die Sonne hat das Heu trocknen lassen, so dass die Bauern ihre Ernte sicher einholen können. Ganz anders als bei mir zuhause im Norden. Immer wenn ich abends mit meiner Lebensgefährtin telefoniere, sie arbeitet an der Ostsee im Tourismus, erzählt sie mir vom trüb, nassem Wetter und den Temperaturen, die so gar nicht für Badefreuden sorgen wollen.

Der heilige Nepomuk steht an der Brücke und wacht über die Reisenden die den Fluss überqueren wollen. Auch auf mich hat er gut aufgepasst und so erreiche ich sicher den Campingplatz in Gemünden. Der breitet sich zwischen den beiden kleinen Flüssen Sinn und Fränkische Saale aus. Vor dem weitläufigen Gelände liegt das Freibad, was bei diesem Wetter auch rege genutzt wird. Für die Camper ist der Eintritt in das Schwimmbad im Preis inklusive.

Endlich ein Eis

Direkt am Saaleufer liegt die Biker-Oase. Ein extra Areal nur für Radwanderer, Wanderer und Kanuten. Ausgestattet mit einem großen Zelt, mit Bänken und Tischen, bietet die Oase einen seltenen Luxus für die nicht Auto fahrenden Gäste. Und damit sie auch lange

Ein Platz für Radfahrer, Wanderer und Kanuten Biker Oase Campingplatz Gemünden am Main
Biker Oase Campingplatz Gemünden am Main

bleiben wollen, ist auch ein extra Kühlschrank vorhanden. In meinen Packtaschen befindet sich zwar nichts was gekühlt werden müsste, aber einfach an einem richtigen Tisch Abendessen und Frühstücken, das ist schon ein tolles Gefühl.

Nach dem Zeltaufbau und einer ausgiebigen Dusche, ist endlich der Gang in das lange ersehnte Eiscafé an der Reihe. Vom Campingplatz bis auf den Marktplatz sind es gerade mal fünf Minuten zu Fuß. Auf dem Platz zwischen den Fachwerkhäusern, stehen Tische und Stühle der Gastronomie unter den Sonnenschirmen. Wie nicht anders zu erwarten, sind freie Plätze bei diesem Wetter sehr begehrt und daher freue ich mich besonders, dass gerade als ich eintreffe, ein Pärchen einen Tisch frei macht. Der ist meiner. Bei dem Andrang dauert es schon ein bisschen bis mein Eis auf dem Tisch steht. Zum Aufregen ist das aber kein Grund. So bleibt mir mehr Zeit in der angenehm lauen Abendluft, das Treiben der Menschen zu beobachten.

 13. Etappe: von Gemünden nach Wertheim

11. Etappe: Von Eschwege nach Schlitz


  • Gleich werde ich zum Kaffee eingeladen Campingplatz bei Eschwege
    Gleich werde ich zum Kaffee eingeladen

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