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Deutschland der Länge nach / von Eschwege nach Schlitz

 11. Etappe: Eschwege – Schlitz, 102,56 Km

Am Morgen ist das Zelt schnell in den Taschen verstaut und nach dem Frühstück könnte es nun eigentlich direkt losgehen. Da schiebt sich der Kopf des Nachbarn aus dem Vorzelt des Wohnwagens und lädt mich zu einer frischen Tasse Kaffee ein. Ein Angebot das ich, trotz des gerade beendeten Frühstücks, gerne annehme. Opa und Oma sitzen am reichlich gedeckten Frühstückstisch, aus einem Fenstern des Wohnwagens schauen die beiden Enkel heraus. Geschickt nutzen die beiden Kurzen das Wohnwagenfenstern als Bühne zum Kasperletheater spielen. Der Große ist der Kasper und sein kleiner Bruder natürlich das böse Krokodil. Oma, Opa und ich sind das Publikum und bestaunen die Künste der beiden lebenden Puppen und jedes Mal wenn das Krokodil vom Kasper eins auf die Nase bekommt, müssen wir für den gelungenen Akt ordentlich Beifall klatschen. Irgendwann hat der kleine Bruder die Nase voll von seiner Rolle als Krokodil und zieht sich zurück in die Spieleecke das Wohnwagens.

Gleich werde ich zum Kaffee eingeladen
Gleich werde ich zum Kaffee eingeladen

Nach dem Theaterstück, nehmen wir Großen uns noch etwas Zeit zum Unterhalten. Opa und Oma machen Kurzurlaub mit den Enkeln. Weil der Wohnwagen so klein ist, muss Opa auf der Luftmatratze im Vorzelt schlafen. „Eigentlich wollen ja lieber unsere Enkel die Nacht im Vorzelt verbringen“: erzählt Oma mit einem Lächeln, „dann ist es aber aus mit der Nachtruhe. Da wir gequasselt und rumort, bis zu den ersten Sonnenstrahlen.“

Natürlich ist auch meine Reise wieder Thema. Als ich erzähle, dass ich gerade mit der zweiten Hälfte anfange und die Tour wegen der Open Air Veranstaltung unterbrechen musste, kommt Opa in Wallung, „Wenn Sie nach Eschwege kommen, da war am Wochenende auch ein Open Air. Sie können sich nicht vorstellen wie es dort aussieht, “ echauffiert er sich. „Als hätte ein Bombe eingeschlagen. Was da an Müll liegen geblieben ist, können Sie sich nicht vorstellen. Unglaublich was sich die Menschheit heute so leistet“.

Die Bombe wartet auf mich

„Klar“, denke ich mir, „als hätte eine Bombe eingeschlagen“. Alte Menschen neigen bei solchen Dingen gerne mal zur Übertreibung. Ich komme ja gerade von einem Konzert mit 10.000 Zuschauern, da blieb natürlich auch mal Müll liegen. Aber Bombe? Ich bedanke mich noch für die herzliche Gastfreundschaft und schon rollen die Räder wieder über den Asphalt in Richtung Eschwege.

Festival bei Eschwege
Festival bei Eschwege

Es dauert nicht lange und das Festivalgelände am Rande von Eschwege ist erreicht. Der Anblick erschlägt mir erst mal den Atem. Opa hatte Recht. Was es dort zu sehen gibt übersteigt jede Vorstellung über die menschliche Unvernunft. Nicht Dosen, Papier und der sonstige übliche Müll liegen auf dem Gelände verstreut. Zelte, Campingstühle, Pavillons, Schlafsäcke liegen noch am zweiten Tag nach der Veranstaltung in solchen Mengen herum, dass man meinen könnte, die Lager sämtlicher Einkaufszentren der Region wurden vor der Veranstaltung restlos geplündert. Ich denke bei diesen Müllbergen zuerst, welch niedrigen Wert all die Dinge für unsere Wohlstandgesellschaft haben und welchen Preis die Menschen bezahlt haben, die es einst für uns, nur zum Wegwerfen, hergestellt haben.

Festivalgelände (als hätte eine Bombe eingeschlagen)
Festivalgelände bei Eschwege (als hätte eine Bombe eingeschlagen)

Der Anblick der Müllmengen begleitet meine Gedanken noch eine Weile Nur langsam werden sie von der lieblichen Landschaft Nordhessens vertrieben. Die Sonnenblumen auf dem Feld wiegen sich im sanften Windhauch und strahlen mit der Sonne um die Wette. Der Radweg verläuft etwas oberhalb an einem Höhenzug. So kann der Blick weit über das Land schweifen, dass sich sanft auf dem gegenüberliegenden Seite dahin wellt.

Damp 2000 im hessischem Hinterland

So langsam wird es Zeit, dass ich mir etwas zu Essen und zu trinken besorge. Hier auf dem Land ticken die Uhren noch etwas anders. Langsam gewöhne ich mich daran, dass die Läden auf dem Land um die Mittagszeit geschlossen haben und denke rechtzeitig ans Einkaufen. In einem der verträumten Dörfer, finde ich dann auch einen kleinen Tante Emma Laden. Wie heißen die Läden eigentlich, wenn dort nicht Tante Emma regiert? Nennen wir ihn Onkel Erwin. Onkel Erwin steht an der Kasse an seinem Minitresen und begrüßt mich überaus freundlich. Das Sortiment ist übersichtlich, aber vollkommen ausreichend einen hungrigen Radler zufriedenzustellen. Ein paar Grundnahrungsmittel mit etwas Schokolade für die kurzen Pausen und schon sind die Kalorienspeicher wieder gefüllt.

SONY DSCNachdem alles bezahlt ist, muss es noch in die Packtaschen verstaut werden. Der Inhaber des Ladens kommt vor die Tür, atmet kurz durch und stellt dann die unvermeidliche Frage. „Wo wollen Sie denn noch hin mit dem Rad?“ Natürlich erzähle ich im von meiner Tour durch die Mitte der Republik, und nachdem er erfährt, dass ich aus Eckernförde komme, erzählt er mir von seinen Urlauben mit den Kindern an der Ostsee, in Damp 2000. Es erstaunt mich immer wieder wie viel Menschen es gibt die ihren Urlaub an der Ostsee mit Damp 2000 in Verbindung bringen. Wenn ich ihnen dann erzähle, dass es Damp 2000 nicht mehr gibt, den Ort schon noch, nur den Namen nicht mehr, können sie das oft gar nicht glauben. Das einstige Vorzeige Projekt für modernen Tourismus in den 70er Jahren, musste seinen Namen nach dem Jahr 2000 abgeben. Ein Name der einst den Klang von Zukunft in sich trug, hatte nach der Jahrtausendwende ausgedient. Die Gebäude sind geblieben und nun heißt es Ostseebad Damp.

Jetzt, wo der Kaufmann wieder beruhigt ist, dass es Damp noch gibt, erzählt er mir von den Pilgern die oft bei ihm einkaufen und von einem Radfahrer mit Anhänger, der noch bis ans Nordkap fahren wollte. Bei ihm kommt die Welt vorbei. In diesem kleinen Dorf und seinem kleinen Laden. Ohne den Rad- und Fußtouristen hätte er schon schließen müssen. Natürlich wünscht er sich, dass noch viel mehr Menschen merken wie schön sein Hessenland ist und wie schön es ist es leise und langsam zu entdecken. Ich stimme ihm zu. Bin ich doch auch selbst überrascht, wie viel Natur und Ruhe hier auf den Urlauber wartet. Hessisch Sibirien ist alles, nur nicht kalt und abweisend.

Warum auch immer, führt mich die Beschilderung außen um Bad Hersfeld herum. Das macht nun, trotz Radweg hinter der Leitplanke, überhaupt keinen Spaß an der B 27 entlang zu fahren. Verkehrslärm und der Blick auf Gewerbegebiete und Schallschutzmauern sind nicht gerade der schönste Anblick. Wenn mich die Stadt nicht haben will, dann fahre ich halt direkt weiter. Nicht alles was auf dem Weg liegt, muss man gesehen haben.

Ein Biergarten mit Karibikflair, ein Gras soll unsere Energieprobleme lösen

In kräftigen Farben lockt ein Biergarten seine Gäste an und nach einem Blick auf die gemütliche Einrichtung und der Fulda hinter den Tischen und Bänken, die träge hinter den Bäumen den Weg ins Tal sucht, beschließe ich, dass dies genau der richtige Ort für eine ausgedehnte Pause ist. Ein Hauch von Karibik umgibt hier den Gast. Mit knackigen Farben, Palmen und dem Grove der Südsee, würde nun auch der letzte Rest Stress von mir abfallen, wie welke Blätter im Herbst, wenn ich ihn nicht schon die letzten Tage irgendwo in Hessen verloren hätte.

Miskantus ein Gras aus China soll unsere Energieprobleme löse
Miskantus, ein Gras aus China soll unsere Energieprobleme lösen

Kaum ein kleines Stück weiter gefahren, wartet schon die nächste Überraschung auf den Radler. Übermanns groß wächst auf einem Feld ein Gras ähnliches Gewächs. Fehlt noch der Riese mit der Sense, fährt es mir durch den Kopf. Was das wohl ist? Eine Hinweistafel klärt darüber auf, dass es sich hier nicht um das Futter der Tiere von Riesen handelt. Das Gras heißt Miscantus, kommt aus China und wird hier zu Versuchszwecken angebaut. Es soll getestet werden, wie gut es sich als Treibstoff für Biogasanlagen eignet. Ob es für die Böden und die Pflanzenvielfallt besser ist als Mais? Ob es reichen wird um den stetig steigenden Hunger nach Energie zu denken? Oder müssen wir uns doch etwas anders einfallen lassen? Diese Fragen leider auf der Infotafel unbeantwortet.

Meine Route führt mich immer mal wieder weg von der Fulda. Wie es sich für eine Mittelgebirgsregion gehört, geht es dann auch immer mal bergauf und natürlich auch wieder bergab. Zweites macht eindeutig mehr Spaß. Kurz vor meinem nächsten Etappenort folgt dann der Radweg wieder seiner Namensgeberin, der Fulda. Durch Blumenwiesen und von Bäumen gesäumt, schlängelt sich der Stadt Schlitz entgegen und zeigt sie sich wieder von ihrer schönsten Seite.

Keine Menschen in Schlitz

Der kleine Campingplatz in Schlitz hat einen direkten Zugang zum Schwimmbad. „Für gerade mal 6,- Euro Gebühren für mein Zelt und meine Person, ist der Eintritt in das mit 24 Grad beheizte Schwimmbad inklusive“, betont der Platzwart. „Das sollten sie sich nach so einem langen Tag einfach gönnen.“  „Es zählt auch keiner wie oft sie reingehen“. Es erscheint mir schon als Sakrileg dieses Angebot nicht zu nutzen. Spricht doch aus dem Platzwart der ganze Stolz auf so einen schönen Platz mit diesem tollen Angebot.

Das Zelt stelle ich gleich neben den Wohnwagen des Platzwartes auf. Dort steht, wie so oft, schon ein weiteres Zelt eines Radfahrers. Am anderen Ende des kaum hundert

Altstadt von Schlitz
Altstadt von Schlitz

Meter langen Platzes, stehen noch zwei weitere Zelte von Radtouristen. Während mein Nachtlager langsam Gestalt annimmt, kommt mein Zeltnachbar vom Duschen aus dem Schwimmbad. Kaum erblickt er mich, seinen neuen Nachbarn, fängt er auch schon an zu erzählen. Er kommt aus Wiesbaden und will mit einem Zwischenstopp in Berlin nach Mecklenburg-Vorpommern weiter. Auch sonst hat er noch viel von seinen Reisen und seiner Ausrüstung zu erzählen. Auch davon, dass seine Frau nicht so das rechte Verständnis für seine Art von Reisen aufbringt und er deswegen alleine unterwegs ist. Ich möchte heute auch noch duschen und gebe mir alle Mühe ihn in seinem Wortschwall zu unterbrechen. Zum Glück er möchte jetzt noch in die Altstadt zum Essen. „Wenn wir uns dort treffen, können wir uns noch ein bisschen weiter unterhalten“: teilt er mir erwartungsvoll mit. „Gerne doch“, erwidere ich, in der Hoffnung das Restaurant ganz zufällig nicht zu finden.

Am besten lässt sich Schlitz zu Fuß erkunden. Vorbei an einer Skulptur eines tanzenden Paares, führen steinerne Treppen durch schmale Gänge in die malerische Altstadt. Eng schmiegen sich Fachwerkhäuser um den gepflasterten Marktplatz zusammen. Zusammen mit der mächtigen Burganlage, war innerhalb der Stadtmauern Platz ein kostbares Gut und so wurde hier beim Bau der Häuser kein Zentimeter Platz verschenkt.

So schön die Altstadt auch ist, so wenig ist hier doch los. Die wenigen Menschen auf den Straßen, sind schnell wieder in irgendwelchen Eingängen verschwunden .Die Gastronomie hat meist geschlossen oder die Bedienung hält nach Gästen Ausschau. Die leeren Stühle vor der Eisdiele wirken nicht gerade einladend. Es ist T-Shirt Wetter und ich bin der einzige Gast. Am Eis kann es nicht liegen, das ist richtig lecker.

Livemusik in Schloss Hallenburg

Landesmusikakademie Hessen
Schloss Hallenburg in Schlitz

Auf dem Weg zurück zum Campingplatz, schaue ich mir noch den Park von Schloss Hallenburg an. Die Fenster am Schloss sind geöffnet und deutlich ist die Vielstimmigkeit eines Acapella-Chors zu hören. Ich fühle mich eingeladen den Sangeskünsten eine Weile auf einer Parkbank zu lauschen. Nach zwei Stücken beginnt eine lebhafte Diskussion mit dem Chorleiter, wie dieser oder jener Part des Stücks besser betont werden kann. Fachbegriffe purzeln aus dem offenen Fenster. Schade aber auch, dass meine Ohren nicht weiter diesen wunderbaren Stimmen im Gesang lauschen können. Ich stehe auf und laufe an der Rückseite des Gebäudes vorbei. Auch hier stehen die Fenster offen und auch hier ist deutlich Musik zu vernehmen. Diesmal übt sich wohl jemand in einem sehr schwierigen Klavierstück, immer wieder wiederholt der Spieler ein und dieselbe Sequenz. Es scheint als wäre es ihm oder ihr noch nicht perfekt genug. Ich kann keinen Unterschied feststellen. Klingt es doch für mich jedes Mal wie von einem Profi gespielt. Die Landesmusikakademie Hessen ist in dem Schlossgebäude untergebracht und dank des guten Wetters und der offenen Fenster, kann man hier kostenlos Livemusik genießen.

Meinen Nachbarn treffe ich auch auf dem Campingplatz nicht mehr an. Worüber ich nicht allzu traurig bin. Er kommt etwas später, während ich, schon im Schlafsack eingemummelt, die letzten Seiten meines Buches zu Ende lese.

12. Etappe: Von Schlitz nach Gemünden

10. Etappe: Von Neu Eichenberg nach Eschwege


  • Gleich werde ich zum Kaffee eingeladen Campingplatz bei Eschwege
    Gleich werde ich zum Kaffee eingeladen

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