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Deutschland der Länge nach / Lauenburg nach Suderburg

5. Etappe: Lauenburg – Suderburg - 90,36 Km, 5:40 Stunden; Ø 16,37 Km/h

Der heutige Morgen beginnt ohne Frühstück, direkt mit dem Zeltabbau und zügigem Aufbruch. Der Weg bis Lüneburg ist mir schon aus vorhergegangenen Touren bekannt. Daher weiß ich, dass keine viertel Stunde vom Zeltplatz entfernt, an einem kleinen Naturschutzgebiet, ein Aussichtsturm am See steht. Dort oben lässt es sich auf einer Bank viel besser Frühstücken, als vor dem Zelt auf dem Rasen sitzend.

Rastplatz auf dem Turm
Rastplatz auf dem Turm

Das Packen geht jetzt schon recht flott von der Hand. Kurz nach dem Campingplatz verlässt der Fernradweg Alte Salzstraße das Elbeufer. Noch ein letztes Mal über den Fluss nach Lauenburg schauen und schon fünf Minuten später ist der Aussichtsturm erreicht.
Während der Kaffee in der Espressomaschine kocht und zischt, zanken sich zwei Erpel um die Gunst eines Weibchens. Leicht genervt vom dem wüsten Schimpfen und Geflatter seiner Artgenossen, sucht ein Reiher das Weite. Mit solchen Nachbar lässt sich nicht in Ruhe jagen. Nachdem die Rangordnung geklärt ist, zieht Frau Ente mit ihrem siegreichen Erpel ins undurchsichtige Ufergebüsch in die traute Zweisamkeit.
Nach dem ausgiebigen Frühstück, geht es nun weiter auf die letzten Kilometer der „Alten Salzstraße“ nach Lüneburg. War der Elbe-Lübeck-Kanal nördlich der Elbe noch idyllisch zwischen Bäumen gelegen, ist in Richtung Süden der Elbe-Seitenkanal jetzt zu einer, tief zwischen den Dämmen liegenden, Industriewasserstraße mutiert. Hoch oben über dem Land, ohne eine Abwechslung für das Auge, streckt er sich kerzengerade in dem Horizont entgegen. Auf dem Damm oben zu fahren, erscheint nur zur absoluten Meditation sinnvoll. So ist es umso erfreulicher ist, dass sich die „Alte Salzstraße“ kleine Wirtschaftswege durch die Felder sucht.

Doppelsenkrechtschiffshebewerk – Das Wort alleine ist schon gigantisch

Bis zum Schiffshebewerk Scharnebeck, ist das Marschland der Elbe so flach wie ein Pfannkuchen. Felder und Obstplantagen bestimmen das fruchtbare Land. Dann allerdings geht es plötzlich steil bergauf. Wie eine überdimensionale Stufe, erhebt sich hier die letzten Ausläufer der Geestlandschaft vor Lüneburg. Mit einer maximalen Fallhöhe von 38 m ist das Schiffshebewerk Scharnebeck, Europas zweitgrößtes Doppelsenkrechtschiffshebewerk. Das Wort alleine ist schon so gigantisch, wie die Höhe die das Wasser hier in einer riesigen Badewanne überwindet.
„182 Stufen sind es bis hier oben Opa“, ruft der blonde Knirps die Treppe hinunter. Sichtlich angestrengt vom Aufstieg, kommen Oma und Opa nach einer Weile dann auch noch oben an. In Zentimeterarbeit steuert der Kapitän sein Schiff, dirigiert von einer Hilfe am Bug, in die schmale Schleusenkammer. Jeder Meter wird aufgeregt und fachgerecht vom Enkel kommentiert.
Vom Schiffshebewerk aus, weiter in Richtung Lüneburg; lässt es sich nun auch am Kanal angenehmer Radfahren. Wegen des nicht mehr notwendigen Hochwasserschutzes von der Elbe, liegt der Wasserspiegel nun fast auf Höhe der Dammkante. So bekommt das Wasser Anschluss an die Landschaft und sieht jetzt schon ein wenig mehr nach einem Fluss aus.

Curt Pomp der Retter von Lüneburg

Die Peripherie von Lüneburg verrät noch nichts über die einmalige Innenstadt am Ende des Radfernweges „Alte Salzstraße“. Wie in vielen anderen deutschen Städten lebten auch hier die Politiker in den 60ern im Glauben, alles was alt ist verhindert den Vorschritt.

Lüneburg

Ihr Fortschritt hieß Beton. Mit diesem Wundermaterial sollte die Altstadt durch Neubau wieder „bewohnbar“ gemacht werden. Wieder bewohnbar? Rechtzeitig bevor die Bagger zu viel Schaden anrichten konnten, gelang es dem Lüneburger Künstler Curt Pomp, die Altstadt vor der Abrissbirne zu retten. Er gründete den Arbeitskreis Lüneburger Altstadt, mischte sich ständig ein und nach und nach gelang es Politik und Investoren von einem anderen Weg zu überzeugen. Lüneburg kann heute auf rund 1.300 denkmalgeschützte Häuser blicken und Curt Pomp verlieh man zum Dank für sein Engagement, den Deutschen Preis für Denkmalschutz und das Bundesverdienstkreuz.
In der Innenstadt gibt es heute fast kein Durchkommen. Es ist Samstag und alle wollen Einkaufen. Vor dem Parkhaus stehen die Autos mit laufendem Motor Schlange und die Fahrer, die eigentlich Steher heißen müssten, sitzen geduldig in ihren Stehzeugen und warten darauf, dass endlich wieder ein Fahrzeug das Parkhaus verlässt und damit einen der heiß begehrten Parkplätze frei macht.

Zu viel los in Lüneburg

Auch für mich wird der Trubel zum Problem, mit dem Erreichen der Stadt, endet die erste Landkarte. Um den weiteren Weg bestimmen zu können, benötige ich dringend eine Karte für die nächsten Etappen. Natürlich gibt es auch hier keine Möglichkeit das Fahrrad mit samt dem Gepäck irgendwo sicher unterzustellen. So bin ich gezwungen, es in der Menschenmenge, vor der Buchhandlung stehen zu lassen. Wenigstens ein Schloss soll verhindern, dass ein Dieb zu leichtes Spiel hat.

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Markttag in Lüneburg

Nun aber los in die Buchhandlung. In Windes Eile suche ich die passende Karte aus dem Sortiment und stelle mich an der Kasse an. Natürlich wartet auch hier eine lange Schlange von Menschen darauf, einen Schritt weiter zu kommen. So schaue ich immer wieder nervös zu meinem vollgepackten Fahrrad hinaus. Auch die längste Schlange hat einmal ein Ende und ich kann endlich bezahlen. Beruhigt stelle ich nach dem Verlassen der Buchhandlung fest, dass der Lüneburger und auch die Lüneburgerin ein anständiger Mensch ist. Mein Fahrrad steht immer noch so vor der Buchhandlung, wie es abgestellt wurde. Im Laufe der Reise, wird das Fahrrad noch häufiger alleine vor Geschäften stehen müssen, ohne dass jemals auch nur etwas daran verändert wurde.
Von einem früheren Besuch, ist mir Lüneburg mit seiner pittoresken Altstadt schon bekannt. Daher beschließe ich, mich nicht länger aufzuhalten und den Einkaufstrubel hinter mir zu lassen. Doch bevor ich die Salzhandelsstadt ganz verlasse, gebe ich mich noch der Diskussion mit meinem Magen geschlagen. Direkt am dem kleinen Flüsschen Ilmenau gelegen, laden die Tische und Bänke im Schatten mächtiger Bäume im Biergarten zur Pause ein. Ich genieße im Schatten der Bäume, die Ruhe vom Trubel in der Stadt und mein Magen freut sich über das leckere Essen und das Radler was er zur seiner Stärkung bekommt. Ein Paddler zieht leise seine Wellen in den Fluss, die Enten dösen in den sonnigen Flecken unter den Weiden in den Tag hinein. Der Magen meldet „ich will faul sein“ an des Gehirn. Doch von dort oben kommt der Befehl zum Aufbruch. Wir wollen doch noch etwas entdecken. Ich gebe mich den Argumenten des Kopfes geschlagen und steige wieder aufs Fahrrad.

Weiter auf dem Weser Harz Heide Radweg

Ein Stück weit noch, folge ich der Ilmenau. Während der Weg weitestgehend geradeaus verläuft, gibt sich das Flüsschen weniger zielstrebig. Mal verschwindet es im großen Bogen aus den Augen, um doch gleich wieder kehrt zu machen und zwischen Wiesen und Auwald nach seinen Begleitern zu schauen. Um dem Weser Harz Heide Radweg zu folgen, muss ich mich leider von dieser quirligen Begleitung trennen. Ähnlich ruhig wie schon in Schleswig-Holstein, geht es wieder auf einsamen Alleen dem Süden entgegen. Nur die Qualität der Straßen ist um Welten besser geworden. Eine junge blonde Dame im fruchtigen Kostüm sitzt am Straßenrand und macht Werbung für einen Biohof im Dorf. Etwas näher herangekommen stellt sich heraus, dass diese äußerst attraktive Person ein sehr kaltes Herz hat. Mein Lächeln möchte die Schaufensterpuppe einfach nicht erwidern.

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Werbung für einen Biohof

Auch ohne Biohof komme ich in den Genuss vom frischen Obst. Frischer als in jedem Geschäft, bietet eine Allee aus Birnen- und Apfelbäumen, ihre reifen Früchte feil. Besonders die Birnen erfreuen die Geschmacksnerven. Knackig und voller Aroma verwöhnen sie den Gaumen. Für weitere Gaumenfreuden, wird kurzerhand die Lenkertasche mit den Köstlichkeiten gefüllt. Und fast ebenso schnell wie die Birnen gepflückt und verstaut sind, so verschwinden sie wieder aus der Tasche direkt in die Verwertungsstation.
Barnstedt, Hanstedt, Groß Süstedt und andere Stedts liegen auf dem Weg. Kleine und kleinste Dörfer durchquert der Weser-Harz-Heide Radweg. Nicht immer ist er eindeutig beschildert und je kleiner die durchfahrenen Stedts werden, desto öfter wird der

Fahrbahnbelag unstet. Einige Abschnitte sind für Radfahrer nur sehr bedingt zu befahren. Kopfsteinpflaster, Sand und Schotter fordern den ganzen Fahrer. Und dann wieder ein Wunder, wie aus heiterem Himmel, ein Stück feinster Asphalt mitten im Wald. Wer hier wo welchen Fahrbahnbelag verteilt, möchte ich schon gerne mal wissen. Es muss ein Würfelspieler sein oder er, vielleicht ist es auch eine Sie, geht mit der Wünschelrute durch Land.
Irgendwie war mein heutiger Tag doch recht anstrengend. Noch hat sich der Körper nicht richtig auf die langen Etappen mit Gepäck eingestellt und die häufigen Sand- und Kopfsteinpflasterpassagen stecken reichlich in den Knochen. Jeder Muskel, jeder Kontaktpunkt des Körpers mit dem Fahrrad, ganz besonders der Hintere, sehnt sich nach dem Tagesziel und Entspannung.

Campingplatz am Hardausee – Ein Stern abzug wegen der Steigung

Der auserwählte Campingplatz am Hardausee bei Suderburg, glänzt mit fünf Sternen. Für die knackige Steigung hoch zum Empfangsgebäude, bekommt er allerdings einen Stern wieder abgezogen. Nur widerwillig lassen sich die Beine noch zu dieser letzten Anstrengung ermuntern. Nach dem Einchecken suche ich die Zeltwiese auf. Dafür gibt es den nächsten Punktabzug. Die Zeltwiese liegt wieder ein ganzes Stück unterhalb des Eingangs und dazu noch möglichst weit weg von den Sanitären Anlagen.
Unten auf der Zeltwiese stehen schon einige Zelte und auch hier wieder einige mit Fahrrädern davor. Während des Zeltaufbaus, kommt meine Nachbarin auf dem Rad

Campingplatz Hardausee

angefahren. Ihr Rucksack und Sie sind nass bis auf die Knochen. Sie kommt gerade vom Fest am Hardausee und holt frische und trockne Kleidung für ihre Familie. Mit dem Mann und drei Kindern 10,11 und 14 Jahre alt ist sie von Bünde aus in drei Tagen bis hierher geradelt. Und der Anhänger ist für den Hund. Neben dem Zelt stehen Gartenstühle, ein Tisch und ein riesiger Grill. Jetzt wo ich weiß, dass sie mit dem Rad hierher gefahren sind, frage ich mich wie sie das alles transportiert haben. Manchmal liegen die Dinge sehr nahe. Sie kennen den Betreiber des Campingplatzes und dieser war so frei das ganze Luxusequipment für die Familie auf den Platz zu stellen.
Das Wetter ist unbeständig und regnerisch. Daher stecke ich meine drei Wäscheteile nach dem Waschen in den Trockner. Wie Recht ich damit hatte die Wäsche nicht draußen auf der Leine zu trocknen, merke ich noch bevor ich den Wäscheraum verlassen will. Ohne großes Vorgeplänkel öffnet der Himmel die Schleusen und es schüttet wie aus Kübeln. So nutze ich die nächste Stunde um mit meiner Freundin zu telefonieren und um aus dem warmen, trockenen Waschraum, in das nasse Wetter zu schauen. Hin und wieder huscht eine vermummte Gestalt durch den Regen. Geduckt als könnten sie unter den Tropfen durchlaufen. Mit dem Ende des Regens hat auch der Trockner sein Werk vollbracht. Trocken und gut aufgewärmt, geht es nun wieder zurück zum Zelt.

6. Etappe: Von Suderburg nach Gifhorn

4. Etappe: Von Mölln nach Lauenburg


  • Rast an der Alten Salzstraße
    Rast an der Alten Salzstraße


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